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Über Haiku
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Beispiele Haiku

Zwei Haiku; Kalligraphien von Gyokuren:

Tsuyo-no-yo wa

Tsuyo-no-yo wa
tsuyu-no-yo nagara
sari nagara

[Diese Tautropfen-Welt...]

-Issa

Haiku 1

Furu-ike ya
kawazu tobi-komu
mizu-no-oto

[Der alte Teich...]

-Bashoo

jap. Schrift

Über Haiku


Einführung

Haiku (oder "hokku" = Startvers einer Kette) - das ist die kürzeste Literaturform der Welt. "Haiku" entstammt dem japanischen und lässt sich in etwa mit "Kurzgedicht" übersetzen. In Japan seit etwa 400 Jahren lebendige Tradition, hat Haiku-Lyrik auch Eingang in andere Sprachräume und die Weltliteratur gefunden.


Formal

Im japanischen Original besteht ein Haiku aus drei Zeilen, insgesamt maximal 17 Silben - etwa das Mass eines Atemzuges. Die Silbenaufteilung ist fünf-sieben-fünf. Reime spielen keine Rolle, aber Alliterationen, Assonanzen und ein gewisser Silbenrhythmus. Haiku in anderen Sprachen lassen sich selten in dieses Schema pressen, es bleiben Rhythmus und die Begrenzung auf drei Zeilen.
Die japanische Sprache begünstigt die genannten formalen Bedingungen. Japanisch ist eine Sprache, die in Silben organisiert ist. In den japanischen Schriften Hiragana und Katakana beschreibt ein Zeichen immer eine Silbe und keinen Einzellaut wie im Deutschen. Jede Silbe besteht aus einem Konsonanten mit folgendem Vokal. Die Gesamtzahl der Silben ist stark beschränkt (weniger als 100), es gibt nur wenige silbenfreie Laute (Vokale und "n"). Durch die begrenzte Silbenzahl ergeben sich bei kürzeren Worten viele Mehrdeutigkeiten, d.h. ein einziges Wort hat meist viele Bedeutungen, die im jeweiligen Kontext zu ergründen sind.
Für um Authenzität bemühte Übersetzer sind japanische Haiku oft harte Nüsse, weil sich Feinheiten und Vieldeutigkeiten nicht einfach in eine neue Sprache mitnehmen lassen. Bildlich gesprochen muss man die Idee eines Haiku in sich entstehen lassen und mit Wörtern der Zielsprache neu beschreiben, um dem Original nahe zu kommen.
Gute Haiku sind nicht auf das Verständnis der japanischen Sprache oder strenge formale Regeln angewiesen. Ihre Wirkung entfalten sie durch das Wesen des Inhalts - unabhängig von der Sprache, die dafür benutzt wird.


Historisch

Lyrik hat in Japan immer eine hervorragende Stellung eingenommen.
Das Haiku entwickelte sich im 16. und 17. Jahrhundert aus dem Renga, einer Form des Kettengedichts größerer Länge und ähnlicher Silbenfolge. Der tonangebende Eingangsvers des Renga löste sich allmählich ab. Es entwickelten sich verschiedene Hokku-Stile.
Im 17. Jahrhundert etablierte einer der berühmtesten Haiku-Dichter, Bashoo, das Haiku in der heute noch üblichen Form und dem charakteristischen Inhalt. Weitere "Klassiker" der Haiku-Dichtung sind Issa, Buson, Shiki, Kikaku und andere.
Bis heute ist Haiku-Lyrik sehr lebendig, mittlerweile auch ausserhalb Japans. In Wettbewerben und Haiku-Zeitschriften ist das Verfassen von Haiku eine populäre Beschäftigung, an der sich jeder beteiligen kann.


Inhaltlich

Ein Haiku lässt sich schwer beschreiben. Seine drei Zeilen verhindern ganz von selbst, große und lange Worte darüber zu verfassen. In seiner konkreten Knappheit macht es aufgeblasene Erklärungen lächerlich. Das Haiku führt den Leser über die ersten beiden Zeilen so weit, dass er bereit für die letzte ist - die ihn blitzartig in in die Wirklichkeit führt. Es zwingt den Leser, an der Schöpfung des Werks teilzunehmen. Damit erreicht es eine Tiefe, die mit Worten nicht zu erzielen ist. Oft wird gesagt, Haiku müssten Jahreszeiten, Naturerlebnisse, Bewegungen enthalten. Aber nichts von alledem ist Vorschrift oder wirklich notwendig. Umgekehrt: Diese Themen sind beliebt, weil sie es dem Autor leichter machen, sich selbst zurückzunehmen.
Ein Haiku drängt nicht nach Größe und Erhabenheit, ist frei von Ehrgeiz oder pädagogischen Zielen, gleich welcher Art. Es drängt sich dem Leser nicht auf, versetzt ihn trotzdem unmittelbar in ein Geschehen, einen Gedanken. Es wirkt nicht auf den Menschen ein, es wirkt im und durch den Menschen selbst als Ereignis.
Schlechte Haiku sind schlicht belanglos, gute Haiku brauchen bei aller Kürze nicht als solche erklärt zu werden. Sie wirken von selbst, wenn man sie wirken lässt.

Einem Haiku sollte man nicht Unrecht tun, indem man mit falschen Erwartungen an die drei Zeilen herangeht. Ein Haiku liest man besser nicht wie "Die Glocke" von Schiller. Der Versuch, das Haiku nicht automatisch zu reflektieren und zu einem "Gegenstand" zu machen, sondern es zu erleben, ohne es intellektuell zu zerpflücken oder verstehen zu wollen, wird seinen Kern unter Umständen besser erfahrbar machen. Wortwahl, ausgefeilter Rhythmus und andere Stilmittel sind nur eine (mehr oder weniger gute) Annäherung für eine im Grunde nicht beschreibbare immergleiche absolute Erfahrung. Haiku können nicht wie am Fliessband gelesen werden, mehr zu lesen stumpft mehr ab als sie mehr zu erleben. Diese Seiten enthalten nur wenige ausgewählte Haiku, keine langen Dateien voll aufgereihter Werke. Die findet man in Büchern und anderswo im Internet.

Explizite Kunst, die alles zu sagen versucht, was sie bedeuten will, bedeutet noch weniger, als sie sagt; sie schliesst sich selbst in ihren Grenzen ein. Die Kunst der suggestiven Andeutung dagegen ist grenzenlos - sie ist so weit und tief, wie unser eigener Geist sie macht.


Buchtips

Titelbild Haiku. japanische GedichteHaiku, japanische Gedichte. dtv Klassik. ISBN 3-423-02336-8. 163 Seiten. Empfehlens- und preiswertes Taschenbuch, sehr gute Übersetzungen und ein erstklassiges Essay von Dietrich Krusche. Inhaltlich sicher eines der besten deutschsprachigen Bücher mit und über Haiku. Buechertitel Japanische JahreszeitenJapanische Jahreszeiten. Tanka und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten, Gerolf Coudenhove. ISBN: 3717512102. 407 Seiten. Kleinformatige gebundene Ausgabe. Schön gemachtes Buch von Manesse, weiter Überblick über die japanische Lyrik.
Link zu Amazom.comHundertelf Haiku. Matsu Basho. Ausgewählt, übersetzt u. Begleitwort von Ralph-Rainer Wuthenow. Ammann Verlag, ISBN: 3-250-01047-2. 131 Seiten, gebunden. Für den besser gestellten Haikuphilen gibt es noch die Vorzugsausgabe mit einer Originalradierung zum Preis eines halben Japanfluges... Link zu Amazom.comIssa: Mein Frühling. manesse im dtv, ISBN 3-423-24059-8. 189 Seiten. Kleinformatiges Taschenbuch. Hauptwerk des berühmten Haiku-Dichters Issa, in den Jahren 1819-1820 entstanden. Gelungenes Nachwort. *Leider* nicht mehr lieferbar. Von Issa gibts momentan nur das englischsprachige "The Autumn Wind", auch nicht schlecht.
Sarumino. Das AffenmäntelchenSarumino. Das Affenmäntelchen. Matsuo Basho. Dieterich'sche, ISBN: 3871620343. Gebundene Ausgabe, 222 Seiten. Sammlung von Basho. Die Kunst des letzten AugenblicksDie Kunst des letzten Augenblicks. Herder, Yoel Hoffmann. ISBN: 3451049651. 160 Seiten. Taschenbuch. Todesgedichte japanischer Zenmeister. Etwas irreführender Titel, denn es geht mehrheitlich um Sterbegedichte japanischer Haiku-Dichter. Bemerkenswerte Erläuterungen samt japanischem Originaltext.
Bambusregen, Haiku und Holzschnitte aus dem 'Kageboshishu'. Übers. u. hrsg. von May, Ekkehard / Waltermann, Claudia. Insel Verlag. Gebundene Ausgabe. ISBN: 3-458-19124-0. 70 Seiten, viele Bilder.

Haiku - Japanische Dreizeiler. Neue Folge. Reclam. ISBN 3-15-009690-1. 142 Seiten. Fortsetzung zum anderen Haiku-Buch von Reclam.

Ruf der Regenpfeifer. Japanische Lyrik aus zwei Jahrtausenden. Ausgewählt und übertragen von Kuniyo Takayasu und Manfred Hausmann. München 1961. Ziemlich grosse Sammlung, teilweise problematisch übersetzt. Nicht mehr lieferbar.

Die Kultur des Zen, Thomas Hoover. Diederichs gelbe Reihe. ISBN 3-424-00744-7. 269 Seiten, Taschenbuch. Überblick über verschiedene Künste oder Zen-Wege in Japan, darunter auch das Haiku. Ein gutes Buch, um sich von grösseren Zusammenhängen her in das Thema einzulesen. Erschöpfendes Literaturverzeichnis mit vielen zugänglichen deutschsprachigen Publikationen. *Leider* nicht mehr lieferbar. Alternativen im Anhang der Reiseberichte.

Titelbild Zen und HaikuHaiku - Japanische Dreizeiler. Reclam. ISBN 3-15-009400-3. 279 Seiten, Taschenbuch. Ausgewählt und aus dem Urtext übertragen von Jan Ulenbrook. Eine grosse Sammlung, preiswert aber eigenwillig übersetzt. Erster Teil der Haiku-Buchserie von Reclam. Titelbild Zen und HaikuShinkokinwakashu. Reclam. ISBN 3-15-008931-X. 160 Seiten, kleinformatiges Reclam-Heft. Keine Haiku, aber eine repräsentative Sammlung klassischer japanischer Gedichte von 1205. Zahlreiche Erläuterungen, die auch viele grundsätzliche Schwierigkeiten bei der Übersetzung ansprechen. Literaturverzeichnis, das sich an englischsprachigen Büchern orientiert. Momentan nicht lieferbar.
Titelbild Zen und HaikuZen und Haiku, oder Mu in der Kunst Kühe zu hüten nebst anderen Texten für Nichts und wieder Nichts. Von Günther Wohlfart. Reclam, ISBN 3-15-009647-2. 181 Seiten, 18 Kalligrafien. Im März 1997 erschienen. Hat Reclam eine Haiku-Reihe? Titelbild Zen und HaikuTanka. Japanische Fünfzeiler. Jan Ulenbrook Taschenbuch - 221 Seiten (1996) Reclam; ISBN: 3150096111. Enthält 400 poetische fünfzeilige Tanka, einer der Vorläuferformen der Haiku. Preiswert, wie alles von Reclam...

Weitere Buchtips zu Japan, japanischer Kunst und Korea im Anhang der Reiseberichte.

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Links

Einführung in die Kunst der Haiku-Dichtung. Kurz und klar, bewegt sich entlang der verschiedenen Haiku-Dichter. Mit sehr problematischen Übersetzungen, aber interessant für einen Vergleich. Basho liest sich hier so:

    Uralter Weiher.
    Ein Fröschlein springt vom Ufersaum,
    Im Wasser ein Ton.

Those Women Writing Haiku. Bislang unpubliziertes Buch von Jane Reichhold. Frauen, die Haiku schreiben. Sehr viel Hintergrundinformationen. Absolut lesenswert.

Haiku Heute Schnell wachsende Sammlung von eingesandten deutschsprachigen Haiku.

Haiku-Seiten von Hans-Peter Kraus. Schön gemacht, viele gut übersetzte Haiku auf Deutsch. Hape schreibt auch selbst.

Deutsche Haiku Gesellschaft. Jetzt auch im Netz, leider sind die Seiten schlecht gemacht. Allgemeine Informationen.

Nightowl neben Haiku auch mit einem interessanten Vergleich deutscher Übersetzungen.

Uwe Goers mit eigener Lyrik und einer Haiku-Seite.

Wersch's Literaturnische mit etwas Basho und Issa.

Es gibt auch japanische Haiku Messer. Hier zu kaufen.

The Daily Yomiuri Englische Ausgabe einer japanischen Zeitung. Aktuell, gut lesbar.

Jim Breen's Ukiyo-E Gallery Gut! Hier werden japanische ukiyo-e (Farbholzschnitte) gezeigt, gefolgt von vielen aktuellen Links zu Japan und japanischer Kunst.

Haiku Freunde von der japanischen Haiku Zeitschrift "suien". Haiku auf Englisch, Japanisch und Deutsch, interessante Links und weitere Informationen.

Shiki International Haiku Salon, hat eine aktive Mailingliste zur Haiku-Diskussion, Wettbewerbe und mehr zum Thema Haiku.

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