Einleitung


Magnus Erd, geboren in Petersthal/Allgäu am 5. März 1903, gestorben am 28. Juli 1996. Mein Grossvater.

Sein Kriegs- und Gefangenschaftstagebuch, es beschreibt seine Erlebnisse seit den späten dreißiger Jahren bis 1950. Die Originale sind kleine, ziemlich abgegriffene Notizheftchen. Während der Gefangenschaftszeit hat er sie unter der Schuheinlagensohle versteckt, ein Gefangener, der noch vor ihm entlassen wurde, überbrachte sie 1949 seiner Frau. Mit Hilfe seiner Notizen und nach seinen Erzählungen hat sie auf seinen Wunsch hin seine Erlebnisse in eine für alle lesbare Form gebracht. Denn er hat es auch für andere geschrieben, er wollte daß Kinder, Frau und später Enkel von seinen Erlebnissen erfahren. Das Geschriebene ist bewußt unpolitisch gehalten, er hat auf eine deutliche Bewertung des Geschehens verzichtet, weil es immer in die Hände der jeweiligen Machthaber fallen konnte - erst die SS, dann Russen und Tschechen. Gerade diese sachlich-nüchternen Schilderungen machen die hirnrissige Maschinerie der Zeit deutlich: Erst wird er Stück für Stück in den Kriegsdienst hineingezogen, dann von den Machthabern für ihre Zwecke kreuz und quer durch Europa geschickt, später von anderen Machthabern für ihre Zwecke fünf Jahre lang zu harter Zwangsarbeit gezwungen. Jedes System zwingt ihm Unmenschlichkeiten auf, jedes System läßt ihn für das andere büßen. Er nimmt alles, wie es kommt, klagt an keiner Stelle über die gestohlenen besten Lebensjahre und bewahrt die Menschlichkeit im Inneren wir im Äußeren. Sein Stil ist der von gesprochener Sprache, ab und zu tauchen Dialektausdrücke seiner Allgäuer Heimat auf.

Seit 1919 war er ein kleiner Postangestellter der Dorfpost Petersthal bei Kempten. Er wollte 1936 bei seiner Heirat Beamter werden und hatte deshalb in die NSDAP einzutreten. Staatsangestellte wurden schon vor Beginn des Krieges zwangsweise militärisch ausgebildet. Im Krieg war er bei der Feldpost, als Kriegsgefangener hauptsächlich in einem tschechischen Uranbergwerk, um Rohstoff für russische Atombomben abzubauen.

Die Familie (Frau und zwei Kinder) wußte lange nicht, ob überhaupt oder wie er den Krieg überlebt hat. Die Zeit ohne ihn überstanden sie mit einer kleinen Landwirtschaft, zwei Kühen und einem Kartoffelfeld. Obwohl er immer einer der Ältesten war, kam er als letzter Kriegsheimkehrer des Dorfes nach Hause und überlebte bis auf einen alle seiner ehemaligen Kameraden.

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Meine Militär-, Kriegs- und Gefangenenzeit

Am 7.1.1937 (6 Wochen nach der Hochzeit) rückte ich zu einem achtwöchigen Wehrdienst nach München ein. Ich wurde zur Nachrichten-Abteilung in der Lazarettstraße als Junker eingezogen. Der Dienst war streng, ich kam am 30. März krank heim.

Am 11.3.1938 wurde ich während dem Postdienst geholt. Ich mußte zum I. R. 91 Regimentsnachrichtenzug nach Kempten einrücken. Frau, Mutter und Philipp haben geweint. Es war Mobilmachung: Einsatz Österreich. Am 13.3. wurden wir mit Bahn verladen. Viel Ausrüstung und Pferde waren dabei. Wir fuhren über München Richtung Österreich zu. Am Montag den 14.3. wurden wir nach 27-stündiger Fahrt in Wien ausgeladen. Das Quartier war die Bundesrealschule. Wir schliefen auf Stroh. Wir wurden in Wien freudig begrüßt und umjubelt. Wir machten vormittags Dienst (Leitungsbau im Prater). Der Nachmittag war zur freien Verfügung. Ich wurde oft bei einem Geldbriefträger als Gast eingeladen. Habe Wien besichtigt und dabei manche schönen Stunden verlebt. Am 30.3.1938 fuhren wir wieder der Heimat zu. In Petersthal wurden 24 Männer eingezogen: Ich war als einziger in Wien. Es war ein friedlicher Feldzug. Während meiner Abwesenheit hat meine Frau den Postdienst gemacht.

Am 1.9.1939 war Mobilmachung. Es begann der Krieg mit Polen. Ich mußte am 8.9. einrücken nach Dietmansried (Gasthof Ochsen). Am 11.9. fuhren wir mit dem Zug nach Oberammergau. Hier kamen wir in die Gebirgs-Nachrichtenkaserne. Ers. Nachr. Komp. 15 [Ersatz-Nachrichten-Kompanie 15]. Mir ging es in Oberammergau gut und durfte manchmal in Sonntagsurlaub heimfahren. So auch am 2.12. Ich kam gerade zur rechten Zeit heim um beim Sterben von meiner Mutter dabei zu sein. Am 6.1.1940 wurde ich wieder entlassen. Frau und Philipp holten mich in Reute ab. Ich wurde bis auf weitere Zeit. U. K. [unabkömmlich] gestellt.

Anfang April 1942 wurde meine U. K.-Stellung aufgehoben. Ich machte ein Gesuch, daß ich meinen Kriegsdienst bei der Feldpost machen darf. Es wurde genehmigt und ich wurde vom Postvertrauungsarzt als gesund befunden. Nach einem strengen schneereichen Winter hab ich daheim beim Postdienst allerhand Strapazen mitgemacht. Am 18. April 1942 rückte ich dann nach München ein, wo ich bis zum 28.4. in der Max II Kaserne (Kraftfahr Ers. Abt. 7) wohnte. Auf meiner Dienststelle wurde mir zu meinem großen Schrecken mitgeteilt, daß ich zur SS-Division "das Reich" eingeteilt wurde (Feldpostamt). Mir lief es eiskalt den Rücken hinab. Laut Anweisung hatte ich mich bei der Postleitstelle in Brest am Bug zu melden. Mit 10 Tag Verpflegung, viel Ausrüstung fuhr ich früh 1/2 6 Uhr (ganz allein) in Richtung Berlin ab, wo ich dann um 4 Uhr ankam. Mit der Untergrundbahn fuhr ich zum Abgangsbahnhof. Nach mehrstündigem Aufenthalt fuhr ich weiter die Nacht durch. In Brest am Bug meldete ich mich bei der Postleitstelle. Hier wurde mir mein Endziel der Fahrt mitgeteilt. Meine Einheit befindet sich in Rschew an der Wolga 150km vor Moskau. Am 1. Mai fuhr ich mit einem Bahnpostwagen weiter. Am 2.5. Ankunft in Minsk, wo ich schon viel Kriegselend sah. Am 3.5. Abfahrt nach Smolensk. Auf der Fahrt wurde von Partisanen das Gleis gesprengt. Tag und Nacht fuhren wir durch Wälder und Steppen. Weiter ging es nach Wjasma. Am 6.5. Mittag 12 Uhr, ein dumpfer Knall, unser Zug ist auf eine Mine gefahren, Güterwagen lagen neben dem Gleis. Zum Glück ist niemandem was passiert. Am 7.5. habe ich Rschew erreicht. Es ist eine große Stadt. Dreck, Elend, Hunger und Fleckfieber gab es da. Die Front soll 12km entfernt sein. In der Stadt waren 32 Feldpostämter. Nach langem Suchen fand ich das Feldpostamt "SS das Reich". Es befand sich diesseits der Wolga, die Brücke war gesprengt. Man konnte nur mit einem Floß hinüber. Das Feldpostamt war in einem ordentlichen Haus untergebracht (früher wohnte ein Deutscher darin). In der Nacht belästigten uns immer die Flieger. Ab und zu schoß die Artillerie in die Stadt herein. Bei uns war kein Fenster in Ordnung. Es kamen zirka 70 Sack Post, die wir vom 5km entfernten Bahnhof holen mußten, und dann bearbeiten. Der Tag war lang, es wurde früh 4 Uhr hell und abends 11 Uhr dunkel. Als alter Schwimmer besichtige ich die Wolga genau und mich packte die Lust zu schwimmen. Am 1. und 2. Juni durchschwamm ich also die Wolga 2 x hin und herüber, sie war ungefähr 100m breit. Es war in der Stadt sehr ungemütlich. Ein Volltreffer auf ein Lazarett, 4 Häuser abgebrannt. Es war Pfingsten, ich ging in die orthodoxe Kirche. Die Bewohner hatten großen Hunger. Bei unserem Amt befanden sich nur noch 6 Männer. Die Division wurde schon früher nach Deutschland verlegt. Nur 1 Regiment war noch da. Auch wir sollen in Bälde nachfolgen. Am 9. Juni war es soweit. Wir fuhren über Russland, Lettland, Litauen, Ostpreußen, Berlin, Hannover nach Fallingbostel. Hier befand sich unsere Einheit zwecks Auffrischung. Unser ganzes Feldpostamt bestand aus 21 Mann, darunter einige Allgäuer, Wilhelm Fischerer aus Immenstadt usw.. Auch ein Freiwilliger aus Lichtenstein, Franz Büchel; wir besuchten miteinander das Grab von Hermann Löns in der Lüneburger Heide. Am 7.7. durfte ich in Urlaub fahren. Um 18:30 Uhr war ich in Zollhaus, wo ich von Frau, Philipp und Annemarie freudig begrüßt wurde. Ich half daheim 2 Tage beim Heuen in der Hornwiese. In einer Nacht träumte mir, ich müsse sofort zurück. In der Frühe dachte ich, was für ein Krampf. Ich habe ja noch 4 Tage Urlaub bis zum 23.7. Tatsächlich kam ein Telegramm, daß ich sofort zurück muß.

Am 23.7. Abfahrt in Fallingbostel nach Frankreich. Wir kamen in die herrliche Stadt Le Mans. Unser Amt wurde in einer Schule untergebracht. Ich selbst hatte ein schönes Privatquartier. Frankreich hat herrliche Kirchen mit schönen Glasmalereien. Besuchte oft manche Kirchen, obwohl es von unserer Obrigkeit nicht gern gesehen wurde. Am 7.8. bekam ich von Kempten die Austellungsurkunde zum Beamten (Postbote). Eine Woche später kamen wir nach Laval. Am 19.8. war Alarm. Die Engländer waren in Dieppe gelandet. Die Sache wurde aber bald bereinigt. Am 24.8. Impfung gegen Ruhr. Bei der Post hatten wir z. Z. viel Arbeit. Ich war mit Stempeln und Sortieren beschäftigt. Wir zogen wieder um nach Vire. Am 30.10. Ich kam auf eine kleine Zweigstelle in einem Dorf mit Namen Guibon 20km vom Kanal entfernt. Wir waren in einem Pfarrhof untergebracht. Unser Dienstzimmer und Wohnung war bei Pfarrer Pikart. Wir waren nur 2 Soldaten im ganzen Ort, und hatten viel Freizeit. Ich machte mich nützlich indem ich dem Herr Pfarrer Holz machte. Es war nämlich ein sehr netter Mann. Nach 10 Tagen mußten wir wieder Abschied nehmen. Er hat uns noch reich beschenkt und weinte als wir gingen. 8.12. war unser nächstes Ziel die Stadt Rennes. Hier arbeiteten wir in einem großen französischen Postamt. Alsdann eröffneten wir unser Feldpostamt in einer Gewerbeschule. 16.12.1942. Es begann der Weihnachtsverkehr. Heute kamen 500 Säcke Post, wir mußten schuften. Essen ist z. Z. nicht gut. Weihnachten wurde schon gefeiert. 31.12. Heute kam Nachricht, daß wir in nächster Zeit nach Russland kommen. Ein bitteres Jahresende.


Januar 1943

Am 16.1. haben wir unsere ganze Feldposteinrichtung sowie unsere 2 Omnibusse, 2 LKW, 1 Kombi und 1 Personenwagen (vom Chef) auf die Bahn verladen. Unsere Division rollt vollzählig nach Russland. 17.1. Abfahrt über Tours, Troar, Charmont, Vogesen, Saarburg, Schweinfurt, Kulmbach, Hof, Plauen, Chemnitz, Dresden, Görlitz über das Riesengebirge, durch das schlesische Kohlenbergwerksgebiete. Hier war der Schnee schwarz. Am 21.1. kamen wir bei großer Kälte nach Polen. Kattowitz, Lemberg, an der rumänischen Grenze vorbei. 24.1. Nacht 1 Uhr bei großer Kälte alles ausladen auf freier Strecke. Die Fahrt ging weiter mit Autos in Richtung Charkow, wo wir nach 3 Tagen ankamen. Unsere Unterkunft war eine große Schule. Hier ging der Ofen kaputt, wir wären beinahe alle verstickt. Furchtbarer Fliegeralarm, die Front war ganz nah da. Nach einigen Tagen erfuhren wir, daß wir vom Russen eingeschlossen sind. 9.2. Post ist hin und retour eingestellt. Wir fuhren bei Nacht und Nebel zurück nach Kolomag. Und weiter gings nach Poltawa. Ringsum schwere Abwehrkämpfe. 18.2. Impfen gegen Flecktyphus. Unsere Truppen begannen ein großes Umfassungsmanöver. Es wurden 3 Divisionen eingesetzt und zwar die SS-Leibstandarte, "Totenkopf" und unsere Division "das Reich". Wir wurden gejagt durch große und kleine Städte und Dörfer. Nirgends blieben wir länger als 3 Tage. Meistens ging es in der Nacht wieder weiter. Am 23.2. wurde unsere Division 300km gegen Süden verlegt. Wir fuhren mit dem Auto durch nasses schlammiges Gelände, so daß wir stecken bleiben. Mit viel Mühen ging es weiter nach Krementschug und Dnjepopetrowsk. Letztere war war eine große Industrie- und Bergwerkstadt. 3 bis 4 Mann unserer Post wurden in Nähe zur Front, andere weiter zurück eingesetzt, damit die Truppen die Post bringen oder abholen konnten. Mit 6 Kameraden gings am 1.3. in ein kleines Städtchen Nowomoskowsk. Zur Strafe, weil Partisanen manches anstellten, wurde der Ort schwer bombardiert. Nach 2 Tagen ging es mit der abgehenden Post zurück. Ich war Beifahrer bei Hans Rasch. Wir blieben im Dreck stecken. Bei unserem Wagen ging der Kühler kaputt, so daß wir nur mit einem Kettenfahrzeug nach Nowomoskowsk (Amt) zurückgeschleppt wurden. 5.3. Wir feierten in Krasmograd meinen 40. Geburtstag. Unser Einkreismanöver machte gute Fortschritte. Kustermann, Strobl und ich wurden wieder auf vorgeschobenen Posten geschickt. Auf der Fahrt hielten uns Feldjäger auf. In Waluiki und Umgebung seien noch russische Kampftruppen. Ein Geschütz mit 4 Pferden lagen tot neben dem Wege. Die Toten lagen umher wie die Steine. Ein furchtbarer Anblick. Wir fuhren wieder zurück, unsere vorgeschobene Ausgabe war nun Lupotin (ein Vorort von Charkow). Wir wohnten in einem kleinen netten Häuschen. 15 bis 20km weit zitterte der Boden, als Stukas Charkow bombardierten. Bei der Post hatten wir es sehr streng. Am 18.3. gings ab nach Charkow und wir arbeiteten wieder in der Schule, in der wir schon früher waren. Die Wohnung hatte ich bei alten Leutchen. 20.4. Ich bekam das Kriegsverdienstabzeichen mit Schwertern. Am 28.4. vom Postamt Kempten die Beförderung zum Postschaffner erhalten. Ich bin nun im Feldwebelsrang (Oberscharführer). Es wird Frühling. Am 25.5.1943 bekam ich die Nachricht, daß ich in Urlaub fahren darf. Am 28.5. durfte ich in Begleitung von Feldpostmeister Wock (mein Chef) abfahren. Poltawa, Kiew, Polen, Prag über Nürnberg, Augsburg, Kempten. Um 18:30 Uhr kam ich in Zollhaus an, wo mich Frau mit Kinder abholten. Es regnete den ganzen Urlaub. Nur die letzten 2 Tage konnte ich heuen. Wir haben die ganze Halde eingeführt. Am 22.6. nahm ich wieder daheim Abschied. Philipp weinte fürchterlich beim Abschied in Zollhaus. In 5 Tagen (den gleichen Weg zurück) war ich wieder in Charkow. Nach 3-monatlichem etwas ruhigem Aufenthalt gings ab nach Udi. Hier wohnten wir in einer Schule. Von den Deutschen wurde ein neuer Großangriff in die Wege geleitet. Tag und Nacht fuhren Panzer durch den Ort. Wir zogen weg und wohnten im Zeltlager in den Wäldern. Ich wohnte mit Kamerad Fischer in einem kleinen Zelt. In einer Nacht nach fürchterlichen Angriffen kam ein schlimmes Gewitter mit Platzregen. Der nächste Tag war herrlicher Sonntag, die Angriffe ruhiger. Sturmführer Menzinger erzählte mir, daß in einem Dorf 5km Entfernung ein Feldgottesdienst sei. Ich wollte es nicht glauben, ging aber doch, um eine Weile weg zu können. Aber es war weit und breit kein Gottesdienst. Mich wollte man nur hänseln wegen meiner Religion. Am Rückweg (es war eine furchtbare Hitze) verirrte ich mich 6 Stunden lang in den Wäldern. In der Nacht kam ich ganz abgehetzt zu meiner Truppe zurück. Ich ließ ein furchtbares Donnerwetter über Menzinger nieder. Es hätte eben mein Leben kosten können. 19.7. Wieder Rückfahrt nach Charkow. Die ganze Division wurde ungefähr 400km gegen Süden verlegt. Hefele und ich mußten noch 2 Tage hier bleiben, um die noch einlaufende Post nachzubringen. Am 25.7. luden wir Hunderte von Postsäcken in den Postomnibus. Er war pfropft voll. Nach mehrstündiger Fahrt kam ein großes Hindernis. Unser Auto stand bis an der Achse im Dreck. Einer der Panzerspähwagen zog uns wieder heraus. Auf der Rollbahn ging es wieder gut voran. Nach einem Knall am Auto hielten wir an und sahen, daß die Türen aufgesprengt waren. Unsere schwere Last drückte nach hinten. Zirka 100m lagen die Säcke umher. Wir räumten wieder alles ein. Ich mußte nun zwischen die Säcke sitzen und es ging wieder weiter. Auf der holprigen Straße schlug es meinen Kopf oft an das Dach vom Omnibus. Bei einer Instandsetzungsstaffel wurde unser Auto wieder repariert. Unser Nachtquartier war unter dem Omnibus. Und wieder ging es weiter. Nach 2 x Reifenschaden kamen wir am 27.7. abends spät in Chanschinkowo an. Wir konnten in der Nacht unsere Truppe nicht finden und blieben in der Nähe der Stadt neben der Straße. Nachts war großer russischer Fliegerangriff auf den Bahnhof. Es fielen viele Bomben. Wir suchten Deckung unter dem Auto und wir kamen heil davon. Wir hatten 450km zurückgelegt und fanden am Morgen, den 28.7. die Truppe wieder. Nach dem nächsten Umzug kamen wir nach Stalino (Korowasa). Wir schlugen unser Amt im Freien auf unter zirka 100 Kirschbäumen. Nun kam eine Parole, wir sollen ins Reich zurück und später nach Italien kommen. Am 8.8. wurden wir mitsamt unseren Fahrzeugen auf die Bahn verladen. Nach 10km mußte unser Zug wieder zurück, da die Bahnstrecke unter feindlichem Artilleriefeuer lag. Auf freier Strecke wurde wieder ausgeladen. Große Hitze, Staub, die Straße voller Flüchtlinge, dazu Gewitter und Platzregen war an der Tagesordnung. Die Russen sind jetzt immer vor uns., wir mußten zurück. Mit allem gings rapide schlimmer. Es war oft Fallschirmjägergefahr. Die meiste Zeit mußten wir uns in den Wäldern aufhalten. Es ging unaufhaltsam zurück in Richtung Dnjeprbrücke bei Kremenschuk. Die Straßen sind mit 1000enden Fahrzeugen verstopft. 48 Stunden brauchten wir zu 4km. Die Brücke war 800-1000m lang. Vor der Überfahrt bin ich die letzte Nacht in einen Riesenstrohhaufen gekrochen um zu schlafen. Wir wurden durch einen furchtbaren Knall erschreckt, da ein Munitionslager in die Luft ging. Am 23.9. kamen wir endlich über die Brücke. Wir bezogen ein schönes Dorf an einem See (Woroschiloka). Es ist schönes Herbstwetter. Hier war es ruhig, aber laut Nachrichten sollen die Russen auch schon über den Dnjepr sein. 5.10.43 Abfahrt nach Ljubjanka 100km weit. Wir wohnen und arbeiten in einer Schule. Es ist ruhig und das Wetter schön. 28.10. Heute wurde unsere Schule von einem Flieger (Nähmaschine genannt) getroffen. Die Fenster waren kaputt sowie die Fahrzeuge beschädigt. Das Wetter ist neblig und kalt. 2.11. Heute Impfen gegen Cholera. Wir waren wieder in ein anderes Dorf gezogen und wohnten in einer Schule. Die Bewohner waren sehr nett. Es kam ein trauriger Befehl. Alle Männer des Dorfes von 16-65 Jahren mußten binnen 1 Stunde das Dorf verlassen. Sie wurden in Autos verladen und kamen in die nächste Stadt. Sie kamen als Arbeiter vielleicht nach Deutschland. Es waren herzzerreißende Szenen bei so einem schlimmen Abschied. Die Frauen schrien, Krieg ist furchtbar. 9.11.1943. Heute mußten die Bewohner noch das Vieh abliefern. Am 10.11. Abfahrt nach Osyrna. Wir mußten mit einem unserer Autos für die Schlächter zirka 50 Zentner Wurst fahren. Ich mußte mich zu den Würsten hinten ins Auto setzen. Als Strobl (Chauffeur) das Auto öffnete, machte ich gerade Brotzeit und aß gerade Allgäuer Käse. Ich wurde ausgelacht als ein Riesenrindvieh. Nun ging es wieder laufend zurück. 25.11. Abfahrt nach Schitomir. 30.11. nach Troya. Es war kalt und wir hatten viel Arbeit (Weihnachtsverkehr). 20.12. Wir bearbeiten alle Tage zirka 200 Säcke Post. Unser Essen ist gut und reichlich. Mein Kamerad Apostel und ich ließen Kinder im Dorf zusammenkommen und beschenkten sie mit Lebensmitteln. Wir feierten Weihnachten, aber der Russe ließ uns keine Ruhe. Am 29.12. abgerückt auf schlechten, eisigen Straßen, durch einen Partisanenwald und kamen an eine gesprengte Flußbrücke. Mit großem Umweg ging es nach Polonnje. Franz Büchel und ich wohnten bei netten Leuten, die nachts auf dem Ofen schliefen. Um Mitternacht jammerten sie, die Russen höre man schießen. Aber es waren Deutsche, die das neue Jahr angeschossen hatten.

1.1.1944 ging es in der selben Nacht wieder weiter bei Eis und Schnee 100km zurück nach Tscherilovka. 7.1. Heute feierte die Bevölkerung laut Kalender Weihnachten. Laut ihrer Sitte brauten sie selbst Schnaps. Er war aber miserabel. 9.1. heute mit Spiegler nach Pari-Konstantino gefahren. auf der Rollbahn war alles verstopft von der Leibstandarte. 11.1. Wieder 80km nach Kloskuro gefahren. Wir mußten die Winterkleidung abgeben. 13.1. Heute fuhren wir 7 Mann, darunter ich, zu einer vorgeschobenen Ausgabe 70km nach Mitschibotsch. Es war ein schönes Städtchen mit 2 Kirchen und Burgruine. 22.1. Heute wieder 30km Richtung Front gefahren in ein nettes Dorf (Baben). Wir hatten noch nicht ausgepackt, kam ein russisches Flugzeug (Rata) und schoß aus allen Rohren. Es wurde eine Frau und ein 11-jähriges Mädchen getötet. Die Leichen wurden in Windeln gewickelt und im offenen Sarg zu Grabe getragen. Es wurde wunderbar gesungen. Kamerad Fidler und ich wohnten bei einer alten Frau. Ich schenkte ihr eine Nähnadel. Am nächsten Tag hätte ich 50 gebraucht. Jede Frau im Dorf wollte welche. Es kam Tauwetter und alle Fahrzeuge blieben stecken. Am Sonntag besuchte ich die orthodoxe Kirche, wo mich vor dem Maisgericht ekelte. Am 7.2. wurden wir mit einer Zugmaschine abgeholt. Der Omnibus hatte einen Achsenbruch. Wir bekamen eine wichtige Nachricht: unsere Division käme nach Südfrankreich. Es ging nun 180km mit Autos nach Polen (Galizien) Sborow. Es war Winterwetter mit heftigen Schneestürmen. Wir waren mit Schneeschaufeln beschäftigt und warteten auf unsere Waggons, die uns 17 Mann nach Frankreich bringen sollen. Am 25.2.44 wurde verladen. Am 26 2. 4 Uhr war Abfahrt. Die Fahrt ging über Lemberg, Krakau. Am 29.2 erreichten wir die deutsche Grenze. Wir blieben einige Tage in Deutsch Wette, da der Bahnhof verstopft war. Am 3.3. kamen wir nach Prag. Dann gings über Pilsen, Annaberg, Nürnberg. Über Heilbronn, Heidelberg, sehr romantische Gegend, ging der französischen Grenze zu. Mannheim sah schlimm aus, arg bombardiert und zerstört. Am 7.3. kamen wir nach Frankreich. Über Orléans kamen wir am Sonntag den 12.3. in Langon bei Bordeaux an. Hier blühten die Bäume, es war schönes warmes Frühlingswetter. Der Klimaunterschied tat uns gesundheitlich sehr weh. Unsere Feldpost richtete sich in einem Hotel ein. Wir hatten viel Arbeit. Manche Kameraden labten sich am guten Wein. Am 30. März 1944 durfte ich in Urlaub fahren. Kam am 31.3. abends in Augsburg an, wo ich im Soldatenheim schlief. Augsburg sah furchtbar zerstört aus. 3/4 der Stadt war kaputt. Am nächsten Tag (Palmsonntag) besuchte ich in Kempten den Gottesdienst. Mit dem Mittagzug fuhr ich nach Zollhaus. Hier war wieder 1 Meter tiefer Schnee. Georg Notz holte mich mit dem Pferdeschlitten ab. Ich kam um 1/2 3 Uhr daheim an. Ich telefonierte wohl heim, aber es wurde nicht gemeldet, da die Heimkehr eine Überraschung sein sollte. Es war auch eine. Im Urlaub machte ich Holz und brachte den Zaun in Ordnung. Bekam ein Telegramm, daß ich nicht mehr nach Langon, sondern nach Montauban muß.

Am 22.4.44 begleitete mich Frau mit Kinder nach Kempten. Schweren Herzens nahm ich im Bahnhof Abschied. Ich ahnte, daß ich lange nicht Wiedersehen feiern würde. Aber daß es 6 Jahre dauerte, ahnte ich doch nicht. Annemarie konnte sich noch lange Zeit an das letzte Winken mit dem Taschentuch erinnern. Ich blieb in Ulm über Nacht. Über Mühlhausen ging es bei herrlichem Wetter wieder zu meiner Einheit zurück. Montauban, 30.000 Einwohner, 5 Kirchen, liegt an der Garonne. Am 14. Mai durchschwamm ich den Fluß. In Frankreich häuften sich die Luftangriffe, doch unsere Stadt blieb noch verschont. Am 6.6. war Invasion der Engländer und Amerikaner. Sie landeten in Nordfrankreich. Nach 7 Tagen fuhr unsere Division ins Kampfgebiet in die Normandie. Die Fahrt dauerte 5 Tage. Wir konnten nur bei Nacht fahren, da wir bei Tag wegen der Fliegerangriffe uns nicht sehen lassen durften. Alle 100m lag ein verbranntes Auto. Unser Feldpostamt fand nur noch in den Wäldern Quartier. Sogar die Briefe mußten getarnt werden. Jeder Mann mußte einen eigenen Luftschutzgraben bauen. Unsere Wälder, in denen wir arbeiteten waren zur Zeit im Raum Vire in der Normandie. Auch in unseren Wäldern war es nicht mehr sicher, da die V-2 Waffe abgeschossen wurde. Es war eine Waffe, mit der die Deutschen England bombardierten.

200m von uns entfernt warf ein feindlicher Flieger Bomben. 4 Tote, 6 Verletzte und einige Rinder von französischen Bauern lagen umher. Die ganze Waldwiese sah wie ein Trümmerfeld aus. Wir hatten Tag und Nacht keine Ruhe. Die Postabholer konnten nur noch nachts die Post abholen.

1.8.1944 fuhren wir wieder 70km zurück in einen andern Wald bei Mayenne. Es geht nun laufend zurück. Wir hatten unser Quartier in einem Schloßwald aufgeschlagen. Es wurden gegen Mitternacht 2 französische Bauern, die heimlich Waffen versteckt hatten, von der Feldgendarmerie durch unsern Wald geführt. Ich sah, wie sie nebenan in einer Kiesgrube erschossen wurden. Es war eine sehr traurige Sache.

An einem etwas ruhigen Abend machte ich mit Kamerad Philipp Schied einen kleinen Spaziergang. Wir bestiegen einen kleinen Berg, um mehr Aussicht zu haben. Unten waren Felsen, oben stand ein Baum. Mein Kamerad kletterte auf den Baum, obwohl ich ihn warnte. Und, o Schreck, es kam bald ein feindlicher Flieger (Jagdbomber). Er drückte sich eng an den Baum, um nicht gesehen zu werden. Sonst wäre er verloren gewesen. Ich versteckte mich zwischen den Felsen. Wir hatten doch noch Glück mit unserm Abenteuer.

12.8. Wir hatten die ganze Nacht schwer durchgearbeitet. Man hörte ständig Kanonendonner. Plötzlich war Ruhe. Unser Postwagen sollte die Post wegbringen, kam aber nach 1/2 Sunde zurück. Der Amerikaner war schon bis 2km mit Panzerspitze da. Es war Großalarm gegeben. Wir mußten aufs Schnellste abfahren. Die französische Bevölkerung stand mit Blumensträußen da, um die Amerikaner zu empfangen. Ich saß auf der Kühlerhaube des Fahrzeuges, um die furchtbaren feindlichen Flieger zu beobachten. Überall waren brennende Autos am Wege, nur gut, daß viel Gebüsch war, denn wir mußten uns oft wieder verstecken. Ich lag 1/2 Stunden in einem Luftschutzgraben. Als es etwas ruhiger wurde, kroch ich heraus. Aber welch Schreck, ich fand unser Auto nicht mehr. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu Fuß weiter gehen. Aber es war keine Kleinigkeit. Endlich nahm mich ein anderes Wehrmachtsauto mit. Nach einigen 1000 Metern sah ich unsern Postomnibus unter Gebüsch versteckt stehen. Spät in der Nacht kamen wir an unserm Unterkunftsraum, ein Heustadel, an. Sonntag, 13.8. Den ganzen Tag Aufenthalt im Heuschuppen. Überall Flieger und Bombengeknalle. So geht es fort von Morgen bis Abend, es ist kein Leben mehr. Nachts fuhren wir wieder zirka 60km zurück. Eine große Wagenremise war wieder das Quartier. Am 16.8. abends 10 Uhr wieder 150km zurück. Nach einem Reifenschaden, den wir im Dunkeln beheben mußten, kamen wir um 7 Uhr früh in Paris an. Es ging gleich weiter in einen Schloßwald. Abends gings wieder 80km nordöstlich Paris zu. Wir waren wieder in einer großen Wagenremise untergebracht, wo wir auch arbeiteten. 24.8. Heute Regenwetter, wir fuhren 7 Mann zu einer vorgeschobenen Ausgabe und befinden uns zwischen Rouen und Amiens. Wir hatten oft Reifenschaden, da Terroristen Nägel usw. streuten. Es ging nun immer wieder zurück. Am 31.8. überschritten wir die belgische Grenze. Unser Feldpostamt machte nun 15km von Lüttich entfernt in einem schönen Schloß Quartier. Am 3.9. wieder 5 Mann 35km nach vorne. Es ging aber bald wieder zurück. Der Feind griff Lüttich an, so daß unser Schloßquartier zitterte. Am 8.9. ging es zurück über den Westwall. Wir waren nun südöstlich von Aachen in einem kleinen Ort (Einruhr). Die Front wurde etwas gehemmt, da der deutsche Westwall das Vorrücken etwas aufhielt. 9.9. Es ging wieder ab nach Holzmühlheim. Nach 2 1/2 Monaten wieder in einem Bett geschlafen. Merkte, daß ich nun Läuse hatte, die ich aber bald wieder loshatte. Wir hatten zur Zeit bei der Post wenig Arbeit. Einige Kameraden und ich wurden zu Erntearbeiten abgestellt. Ich mußte Klee mähen, Wiesheuen, Korn einfahren, dengeln, sogar Kuh kalben. Am 15.9. mit Kamerad Fidler Kartoffelraustun. Sonntag den 19. bezogen wir im hochgelegenen Eifeldorf Nohn bei Ahrweiler Quartier. Seit langer Zeit kam wieder Post. Es ist nun etwas ruhiger, wir können uns nun erholen. Anfang Oktober war ich beim Verpflegungsamt und Schanzarbeiten, sowie bei meiner Hausfrau, Frau Schend, mit Herbstarbeiten beschäftigt. Es herrschte dort die Maul- und Klauenseuche. Ich machte mit Kamerad Fidler einen Spaziergang auf einen kleinen Hügel. Der Himmel war bedeckt und es regnete leicht. Die Flieger konnten dadurch nicht viel machen. Ein Zug, 2 Lokomotiven und mit Kriegsmaterial beladen, fuhr durch das nahegelegene Tal. Der Himmel hellte auf und einige Flieger waren auch schon da. Sie beschossen den Zug, so daß ein Wagen um den anderen explodierte. 29.10. Abfahrt vom liebgewonnen Eifeldorf nach dem Städtchen Mayen. Die Stadt wurde 2 Stunden vorher bombardiert. Wir wurden in den Zug verladen. Die Fahrt ging über Andernach, Koblenz über den Rhein nach Limburg, Marburg. 31.10. Wir sind die ganze Nacht durchgefahren und wurden in Brilon ausgeladen. Es ist ein schönes Städtchen. Wohnte bei einer Frau Dimala. Ihr Mann war in russischer Gefangenschaft. Sie hatte ein Kind mit 4 Jahr.

10.11.1944. Unser Feldpostamt befindet sich in einem Frauenkloster. Wir waren bis zum 19. 11. in Brilon. Am 18.11. wurde in die Bahn verladen. Wir kamen am Sonntag früh in Neuß bei Köln an. Beim Entladen ist mir eine eiserne Laderampe auf einen Fuß gefallen. Unser Amt richteten wir in einem Gasthaus in Kapellen bei Köln an der Bahn ein. Mein Quartier war bei sehr guten Menschen (Milchhandlung). Hier machte ich Umschläge auf meine gequetschte Zehe. Es herrschte hier rege Fliegertätigkeit. Es befand sich ein Luftschutzkeller im Hause, den wir oft benutzen mußten. Ganz in der Nähe wurde ein großer Bauernhof von Bomben getroffen. Es gab 4 Tote. Von zu Hause kam eine schlimme Nachricht, daß Sohn Philipp einen Fuß gebrochen hat. Er rutschte aus, als er von mir 2 Briefe freudig eilends heimtrug (hinter Notzes Stadel).

9.12.1944. Heute waren es 25 Jahre, daß ich bei der deutschen Reichspost bin. Von meinen Hausleuten bekam ich eine gute Flasche Wein. Es ist zur Zeit ständig schlecht Wetter. Wir waren froh, da dann die Flieger ruhiger waren. 17.12. Nachts 12 1/4 Uhr Abfahrt von Kapellen. Ich saß vorne auf dem Kühler. Wir mußten dunkel bei Kälte bis 10 Uhr vormittag fahren. Kamen in Mechernich an. Von den Deutschen wurde eine große Offensive eingeleitet. Es hat aber nichts genützt. Die Wälder waren voll Panzer. Bomben und Tiefangriffe wüteten furchtbar. Sah heute die V-1 auf England fliegen [V1: Erste Raketenwaffe]. 19.12. Immer Tiefangriffe auf die Straßen. Es ist schlimm. Es befindet sich hier ein altes Bleibergwerk, das als Luftschutzkeller benutzt wird. Manche Frauen und Kinder gehen kaum wieder heraus. Habe schon 14 Tage keine Post von zu Hause.

21.12.44. Heute Mittag von Mechernich abgefahren. Bezogen im Dorf Antweiler (Eifel) in einem Gasthaus unsere Dienststelle. Privat wohnte ich bei einer Familie (Krest) mit 5 Kindern. Die Leute waren sehr zuvorkommend. Euskirchen liegt 6km entfernt. Am hl. Abend sahen wir von unserm Quartier aus, wie 6 englische Bomber Euskirchen angegriffen haben. Einer wurde von unserer Flak [Flugabwehrkanone] am Rückflug abgeschossen. 31.12. Wolkiges Wetter mit Schneegestöber. Kampfverbande fliegen ein und aus. Es kracht ringsum. Wir sind keine Stunde sicher, wenn unser Dorf vernichtet wird.



1945


Der Januar verlief außer heftiger Fliegertätigkeit ziemlich ruhig. Ich ging jeden Sonntag 6 Uhr in die hl. Messe. Beim Postholen rutschten wir in Euskirchen in einen Bombentrichter. Mit großer Mühe kamen wir endlich wieder heraus. Die Stadt ist ein reines Trümmerfeld. Die Bewohner können nur noch das Elend ansehen und zudem ist noch Winter. Sonntag 14.1. Ich ging in Antweiler zur hl. Beichte. 20. und 21.1. Das Wetter hellte auf und deshalb starke Fliegertätigkeit. Ein Treibstoffzug wurde getroffen. Er brannte lichterloh. Deutsche Flieger sah man fast nicht mehr. Von Süddeutschland kommt ganz wenig Post. 29.1. Bin mit zum Kohlenholen nach Köln-Brühl gefahren. Es war interessant zu sehen, wie die Briketts auf dem Förderband daherrutschten. 30.1. Wir mußten uns marschbereit machen und zwar nach dem Osten. 1.2.1945 Abend 6 Uhr Abfahrt von dem uns heimisch gewordenen Antweiler. Ich und mein Kamerad Franz Büchel aus Lichtenstein saßen hinten im Omnibus auf einer Kiste. Es ging nun über das 80% zerstörte Koblenz. Wir fuhren durch einen Bombentrichter, ich wurde herausgeschleudert. Ich erlitt Prellungen am Kniegelenk und verstauchten Finger. Nun gings über den Rhein. Es waren viele Brücken zerstört. Wir kamen nachts 1/2 3 Uhr in Melzbach bei Neuwied an, wo wir Quartier bezogen und unsere Abfahrt mit dem Zug abwarten mußten. In Bad Kreuznach wurde die ganze Division verladen. Am 7.2.45 war nun Abfahrt nach Osten. Das Wetter war regnerisch. Es ging über Limburg, Frankfurt, Augsburg, Salzburg, Wien und weiter nach Ungarn. Ich erhielt durch die schweren Stöße im Waggon eine Handverletzung. Am 11.2. wurden wir in Komorn ausgeladen. Wir fuhren mit Autos weiter bis zur Stadt Györ. Unser Feldpostamt wurde am Rand der Stadt bezogen. 28.2. Es geht uns ordentlich, die Post wird in Wien geholt. Die Bevölkerung ist freundlich, es gibt keine Partisanen. Feindliche Fliegertätigkeit nimmt stark zu. 5.3. Witterung immer noch kalt und unfreundlich. 10.3. zogen wir mit Autos etwa 100km nach Balatonviere am Plattensee um. Unsere Dienststelle befindet sich in einer Bank. Am 14.3.-15.3. Mit Autos in Richtung Front gefahren zur anderen Seite des Plattensees, um Erbsen und Kartoffeln zu holen. 21.3. Abfahrt von hier etwa 100km seitwärts. Die Fahrt verlief unter den herkömmlichen Strapazen. Die Straßen waren alle verstopft. 22.3. Heute vormittag am Ziele im Dorf Monsontzentinkla an der ungarisch-österreichischen Grenze. Es war schönes Vorfrühlingswetter. 26.3.45 Abfahrt nach Winden, ein kleines Dorf am Neusiedler See in Niederösterreich. Wir sind in der Schule untergebracht. Die Bewohner des Dorfes wurden aufgefordert, das Dorf zu verlassen, da befürchtet wurde, daß die Russen bald kommen. Ein Teil ging fort, der andere blieb da. Alles war kopflos, besonders Frauen mit Kindern. Sie wollten nicht von der Heimat fort. Gestern war Alarmstufe 3. Auf den Hauptstraßen bewegen sich Flüchtlingszüge und motorisierte Einheiten. Alles geht zurück.


1.4. Ostern 1945

Wir befinden uns zur Zeit in Deutsch-Wagram bei Wien. 5.4. Wieder Abfahrt über Wien nach Sitzenberg bei St. Pölten. Es wird Frühling, die Lage ist ernst. 7.4. Heute wieder Abfahrt von Sitzenberg nach Gföhl bei Krems. Die Reste der ungarischen Armee wurden entwaffnet. Wir sind in einem großen Gasthaus (Brinz) untergekommen. Den ganzen Tag reißen die Flüchtlingszüge nicht ab. 9.4. Heute Abend 8 Mann, darunter auch ich, mit Autos abgefahren zu einer Donausicherung. 11.4. Wir liegen an der schönen blauen Donau 250m zu je 2 Mann mit MG. Jeder hatte ein Loch gegraben und wir lagen im Freien. Der Kanonendonner rückte immer näher, aber plötzlich still. Der Russe hatte offenbar einen anderen Weg genommen. 12.4. Nun wieder zurück zum Feldpostamt nach Gföhl. Arbeit bei der Post hatten wir fast keine mehr. Der Flüchtlingsstrom hatte sich gelegt. Krieg nähert sich zum Ende.

In unserem Quartiergasthaus halfen wir große Weinfässer (500 Stück) in den Keller rollen. Der Wirt sagt, wir sollen wieder eine Weile rasten und dann kosten. 26.4. Heute ging es wieder ab über Linz nach St. Thomas bei Ried (Innkreis). Auf dieser Fahrt sahen wir einen Zug Juden zirka 2000 Personen wie das Vieh daher treiben. Es war furchtbar es anzusehen. Ich warf ihnen ein Stück Brot aus dem Auto, aber sie durften es nicht aufheben. Wir sagten zueinander, uns wird es bald auch so gehen. Es kam wirklich bald ebenso. Wir hörten im Radio, daß Memmingen und Kempten von den Amerikanern eingenommen wurde. Nun hatte ich Kummer über meine Heimat, Frau und Kinder. Post wollte man noch in Passau holen, aber es kam keine, da sämtliche Verbindungen zerstört waren. Ein Befehl lautete: Wer die Truppe verläßt, wird aufgehängt. Ich sah schon welche hängen. Das schreckte natürlich ab. 28.4. Heute Abfahrt 100km nach Iglan. Ich saß im Lastkraft-Werkstattwagen hinten. Er fuhr in einen tiefen Graben und fiel um. Ich wurde von unserm herabstürzenden Inventar zugedeckt. Ich mußte wieder befreit werden. Außer einigen Hautabschürfungen ist mir nichts passiert. 29.4. Wir wurden in die Bahn verladen und am 1. Mai in Arnsdorf (Sachsen) angeladen. Wir waren im kleinen Städtchen Langebrück 12km von Dresden entfernt untergebracht. Hier erfuhren wir, daß Hitler tot sei. Konnte nicht mehr heim schreiben, da der Feind im Allgäu ist. 6.5. Sind verzogen nach Böhmisch Kamnitz bei Bodenbach. Es war unsere letzte Station.

6.5.45. Wir hatten unsern Betrieb bei der Feldpost eingestellt, weil keine Post ankommt und auch keine weggeht. 9.5. Deutschland hat kapituliert, endlich waren wir vom Hitlerjoch befreit. Wir warfen nach Befehl die ganze Post an einen Haufen und zündeten ihn an. 10.5. Wir fuhren nach Karlsbad um uns bei den Amerikanern zu melden. In großen Kolonnen stehen wir auf den Straßen. In Karlsbad wurden uns von Tschechen die Waffen abgenommen. Es ziehen viele Tausende Soldaten, Zivilisten und Verwundete die Straßen entlang. Alles rüstet ab. Uniformstücke, Kisten und Kasten mit wertvollen Sachen liegen umher. Das war das Ende. Wir meldeten uns bei der amerikanischen Panzerdivision, 2km entfernt waren die Russen. Alles strömte den Amerikanern zu. 11.5. Wir kamen in ein großes Lager im Freien. Wir hatten zum Glück unsere 8 Autos noch. Wir stehen an einem Berge bei Schlaggenwalde. Wir sollten nach Deutschland fahren. Ich saß im zweitletzten Wagen. Unser Auto streikte und sprang nicht an., so daß wir von den vorderen Autos getrennt wurden. 6 Mann, Menzinger, Voß, Ernst, Deutschenbauer, Strobl und ich blieben zurück. Die anderen Kameraden waren den Berg oben. Bender kam nochmal den Berg herab, um bei uns Brot zu holen. Als er wieder nach oben kam, waren die anderen schon abgefahren ins Reich. Er mußte nun bei uns bleiben. Kamerad Büchel aus Lichtenstein hatte einen Zivilanzug und schweizer Paß. Er nahm Abschied und wollte zu Fuß nach Hause, was ihm auch gelang. Ich wäre gern mit, aber ohne Paß wäre es mir nicht gelungen. Essen gab es nicht, aber wir hatten noch etwas Vorrat. Das Lager faßt ungefähr 15.000 Personen, auch Frauen und Kinder. Die Amerikaner hatten zuviel und die Russen zu wenig Gefangene. Die Häuser des Sudetenlandes sowie unser Auto waren mit weißen Fahnen behangen, das Zeichen der Ergebung. 13.5. Heute Abend kam Nachricht, daß wir morgen dem Russen ausgeliefert werden. Es hieß, es ist egal, ob beim Amerikaner oder Russen, ihr kommt bei jedem nach Hause. 14.5. Abfahrt über Karlsbad, erhielten wir manche Eindrücke. Frauen standen vor den Türen und weinten. Die Russen lernten Radfahren, Armbanduhren wurden abgenommen. Ich zerriß mein Soldbuch mit den Zähnen in kleine Stückchen, damit man meine Einheit nicht kennt. 5km vor Teplitz-Schönau war Abmarsch zu Fuß ins russische Lager. Das Notwendigste durften wir im Rucksack mitnehmen. Die Straßengräben waren voller Sachen, die weggeschmissen wurden, wegen Müdigkeit, Hitze, Hunger und Durst. Wir waren von der Feldpost nur mehr 4 Mann, Ernst, Bender, Voß und ich. Unsere Kraftfahrer blieben bei den Autos. Mehrere Tausend waren nun im Lager auf freiem Platz. Verpflegung war vorerst ausreichend. 600g Brot, 1 Liter Suppe, 25g Zucker und 30g Konserven. Haare wurden uns ganz kurz geschnitten. Wir wurden in Hundertschaften eingeteilt. Wir sind nun in eine Kaserne übergesiedelt. Ich wohne im Gang auf einem Kasten. Ich schlafe viel, andere spielen Karten, lesen oder verzapfen gute und schlechte Parolen.

27.5.45. Ich wohnte auf dem Dachboden und schaute sehnsüchtig gegen Westen. Auf der Straße sah man 1 Stunde lang Gefangene marschieren. 9.6. Heute abend Abmarsch von zirka 3000 Mann nach Richtung Dresden. Das Wetter war schön. Zu Essen bekamen wir bei dem 70km langen Marsch überhaupt nichts. Nur die Bewohner der Dörfer warfen uns manchmal was zu, aber was ist das für so viele? Wer nicht mehr laufen konnte, den wollte man erschießen. 3 Tag lang mußten wir auf einer Wiese campieren bis wir ins Lager eingelassen wurden. Damit niemand aufstand, wurde oft über unsere Köpfe geschossen. Zu Essen gab es immer noch nichts. 13.6. wurden wir in das große Lager eingelassen. Vorerst wurde uns alles abgenommen, Geld, Uhren, Messer und alles was einen Wert hatte, wir mußten sogar die Schuhe ausziehen, im Fall etwas versteckt wäre. Fand man noch was, gab es Schläge. Das Geld wurde in einem Waschkorb aufgestapelt. Im Überzug der Feldflasche versteckte ich nach etwas Geld. Der Ring kam in eine Dose mit Creme. Beide Uhren, die ich bei mir hatte, brachte ich wie durch ein Wunder durch. Das Lager faßt ungefähr 20.000 Mann. Nun beginnt der ständige Hunger. Nichts ist sicher, alles wird gestohlen. Meine Armbanduhr wickelte ich in ein Wollknäuel, aber leider wurde es von Mitgefangenen beobachtet. Als ich sie einmal gegen Brot vertauschen wollte, getraute ich fast nicht, es war statt der Uhr ein Stein eingewickelt. Sie wurde gestohlen. Wir bekamen nur noch 500g Brot und 1 Liter dünne Suppe täglich. Habe einen Landsmann aus Immenstadt getroffen, Josef Hagspiel, Bauer in Rothenfels.

Juli 1945. Arbeit hatten wir keine außer Löcher graben für Aborte. Wir Allgäuer trafen uns alle Tage unter einem Baum, zirka 50 Mann. Die einen behaupteten, daß wir bald heimkommen, die anderen, daß wir unsere Heimat nie mehr sehen werden. Viele waren vor Hunger und Krankheit so schlecht beieinander, daß sie das Laufen nicht mehr vermochten. 9.7. Ich bekam ruhrartigen Durchfall und meldete mich beim Sanitäter. Er sagte, daß ich erst in einigen Tagen ins Lazarett komme, weil es so überfüllt ist. Die neueste Parole war, daß wir alle in den nächsten Tagen heimkommen sollen. Ich fragte den Sanitäter, was geschieht mit denen, die im Lazarett sind? Er meinte, die Kranken bleiben da. Ich ließ mich also nicht einweisen und bildete mir ein, daß ich gesund sei. Es war aber das Gegenteil. Nach 5 Jahren erfuhr ich, daß alle, die im Lazarett waren entlassen wurden. 29.7. Es kamen nun große Untersuchungen. Je 100 Mann mußten nackt an einem russischen Stabsarzt vorbeispringen. Ein paar nur wurden, weil sie zu elend waren, entlassen. 1000 Mann, darunter auch ich, sollen 2 Monate zum Arbeitseinsatz nach Stettin kommen und dann entlassen werden. Wir glaubten und hatten Hoffnung. Wir gingen aus dem Lager heraus. Auf freiem Kornfeld stand ein Zug. In jeden Waggon kamen 50 Mann. Wir waren eng hineingepfercht. Etwas Brot und ein Kübel Krautsuppe je Waggon war alles. Wie man daheim die Schweine fütterte. Das Austreten war eine Sache für sich. 1.8. In Stettin angekommen und Quartier in einer Kaserne bezogen. Wasser und Licht waren kaputt. Von meinen Kameraden der Feldpost war ich nun getrennt. Wir waren mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt. 5.8. Heute Antreten um an einem erschlagenen Kameraden vorbeizumarschieren. Man hielt eine Ansprache, so geht es euch wie dem, wenn ihr flüchtet. Zur Zeit bekamen wir statt Brot nur Hundekuchen. 11.8. Heute den ganzen Tag (16 Stunden) beschäftigt beim Herbeischaffen von Material zum Bau eines Brotbackofens. 12.8. Den ganzen Tag bis 10 Uhr abends als Handlanger beim Ofenbauen gearbeitet. 14.8. Heute die Nacht hindurch das 1. Mal beschäftigt mit Verladen auf einem Schiff im Hafen von Stettin.

16. 8. In großer Lagerhalle gearbeitet. Schicht von Nacht 11 Uhr bis 8 Uhr auf dem 3000-Tonnen-Dampfer (schwere Kisten) mit Schwimmkran verladen. Bis zum 22.8. Kohleschippen auf dem Schiff. Habe immer Hunger. Bekamen weiße Kittel mit einem blauen Ölfarbstreifen, um uns Gefangene gut zu erkennen. Arbeite mit Kamerad Hagspiel immer auf dem Schiff. 1.9. Die ganze Woche Schicht von abends 5 Uhr bis 12 Uhr auf dem Schiff "Waldai" verladen. Heute mein Brotbeutel mit 5 Äpfel und 1 Stück Brot, das ich für meine Handschuhe eingetauscht hatte, gestohlen. Es war ein schwerer Verlust, wenn man so Hunger hat. 8.9. Schweren Durchfall bekommen. Viel Hunger, krank, Arbeiten beim Kranenabbau im Freihafen. 20.9. Krank gemeldet wegen Mandelentzündung, verschlechterte sich. 26.9. Bin außer Dienst, bettlägerig. Es hat sich ins linke Auge verlagert. Es ist vollständig zugeschwollen. 28.9. Langsam verbessert sich mein Aug. Habe noch Fieber: 38,5.

5.10.45. bin noch krank. Mein Auge hat sich verschlechtert und bin ins Lazarett gekommen. 8.10. Heute ins große Lagerlazarett in Krekow gekommen. Mein Auge ist nicht mehr in Ordnung, Schmerzen und Sehkraft ist gestört. Essen ist hier besser. 18.10. geht langsam besser, heute zur Genesungskompanie, gekommen und hier Kamerad Bender von der Feldpost getroffen. 21.10. Heute Kirchweihsonntag, ein Tag voller Erinnerungen. Mußte 2 Stunden Boden graben. 23.10. Heute wieder zur Arbeitskompanie gekommen und umgezogen. Hier Ziegel tragen und putzen. Habe zur Zeit großes Heimweh. 7.11. Es war heute Feiertag anläßlich des 28. Jahrestages der Gründung der Sowjetunion.Wir durften das erste Mal nach Hause schreiben. Diese Karten fand man später auf dem Dachboden, es war nur Schwindel. 13.11. Abends 150 Mann zum Hafen marschiert und auf ein Lastschiff verladen. Standen die halbe Nacht am Hafen, es war kalt, hatten Hunger und warteten auf Abfahrt nach Swinemünde. Es war ein offener Lastkahn, der an ein Dampfschiff angehängt wurde. Wir fuhren durch das Stettiner Haff. Auf dem Weg dahin sahen wir einen deutschen halbversenkten Flugzeugträger aus dem Wasser schauen. 14.11. Nachts 10 Uhr in Swinemünde angekommen. Wir wurden in ein Haus gewiesen, als Nachtquartier, aber es war voll belegt. Ich schlief mit nassen Decken auf einem Steinpflaster. Unsere Arbeit ist zur Zeit streng. Ab 19.11. täglich Verladen auf Schiff von Mittag 12 Uhr bis Nachts 12 Uhr. Es wurden oft 14 Stunden. Es ist kalt, Essen zu wenig, wir sind vollkommen verlaust.

6.12. Ins Lazarett gekommen, schwerer Durchfall. Einlieferung völlig nackt, nur eine Wolldecke zum Zudecken. War nach der Entlassung kränker wie zuvor, mußte nun 6 Tag Innendienst machen. Meistens die ganze Nacht Kartoffeln schälen im Keller. 17.12. Wieder arbeiten auf dem Schiff. Meistens Eisenbahnschienen verladen. Die Russen haben in der Ostzone die doppelgleisigen Schienenstränge abgebaut und verladen und nach Rußland verschickt. Es war eine schwere Arbeit, manchen hat es die Knochen abgeschlagen. 20.12. Am Rande der Stadt heute Kachelöfen abbrechen, welche auch nach Rußland kamen. Abend Impfen. Mir wurde Ring, Rosenkranz und meine Taschenuhr von den deutschen Kameraden gestohlen. An den Weihnachtstagen verladen auf Schiff. Hatten keine Weihnachten, kein Geschenk, kein besseres Essen. Auch keine Nachricht von zu Hause. Es war traurig. Habe laufend Furunkel. 500g schlechtes Brot, 18g Zucker, 1/2 Liter Suppe und 1/2 Liter Rübenschnitzelsuppe und schwarzer Kaffee war unsere Verpflegung.

1946. Arbeit hat etwas nachgelassen, da weniger Schiffe kamen. Es ist sehr kalt und hat Schnee, wir liegen direkt an der Ostsee und hören das Meer rauschen. 14.1. Wir mußten 1 Stunde marschieren zur Arbeit. Da ich so arg Hunger hatte, betete ich während dem Laufe um Gottes Hilfe, daß mein Hunger gestillt werde. Ich wurde mit noch 2 Mann eingeteilt zum Kartoffelsortieren in einem Lager. Wir erhielten Kartoffeln und Suppe, so daß wir reichlich satt wurden. 15.1. Bei einem russischen Offizier Holz machen, und wieder einen großen Topf Suppe bekommen.

20.1. Wieder 12 Stunden Eisenbahnschienen verladen. 3.2. Heute, Sonntag, Kohle bunkern für einen finnischen Dampfer. Sollte auf dem finnischen Schiff für russischen Posten ein Radio stehlen, was ich verweigerte. 17.2. Sonntag morgen 200 Mann zum großen russischen Lazarett (ehemals deutsches Krankenhaus) in einem schönen Park aufräumen. Von der Nähnadel bis zum Fahrrad lag alles umher. Regulator und alle Einrichtungsgegenstände mußten wir in ein Bachtel [enges Bachtal] schmeißen. Manches behielten wir selbst. Mein jetziger Rosenkranz ist noch ein solches Andenken. 20.2. wieder Großfilzung. Mir wurde vieles genommen, hatte nicht mal mehr ein Besteck. Ich schliff den Löffelstiel, damit ich Brot schneiden konnte. 25.2. Wiege noch 57kg. Habe Furunkel und bekomme Lebertran.

10.3. Heute, Faschingssonntag, habe ich Spätschicht auf dem Schiff "Pawlowsk" im Maschinenraum. Ein russischer Maschinist sah meine noch sehr gute Hose. Er machte das Angebot: Gib mir deine Hose um die meine und noch Brot, Zucker und Suppe. Da ich Hunger hatte, willigte ich ein. 20.3. Es wird langsam wärmer. 22.3.46. Heute mit großer Freude den ersten Brief aus der Heimat erhalten. Habe 2 Jahre von zu Hause keine Nachricht. Der Brief ging über Umwege, ein Bekannter (Telefoner) aus Sachsen hat ihn weitergeleitet. Die Post wurde in Heringsdorf abgeholt. Ich wollte natürlich den Brief beantworten. Hatte aber kein Papier, keinen Bleistift und auch kein Geld für Porto. Mit viel Mühe brachte ich einen Fetzen Papier her, aber man durfte auch nichts merken, daß ich schrieb. Gute Zivilisten (eine Frau) nahm den Brief heimlich zu sich und bezahlte das Porto. Der Brief kam im Mai zu Hause an.

8.4. Auf Kommando Preußischer Hof (ehemals ein Hotel, da Kaiser und König verkehrten und heute arg zusammengeschossen ist) beim Ziegelputzen. Bin zur Zeit ganz matt und kraftlos. Wurde zum Innendienst im Lager abkommandiert als Reinemacher. Die deutschen Ärzte stellten fest, daß wir Gemüse bräuchten, aber woher nehmen? Man fuhr auf einen Acker und holte Klee. Wir zupften die ganze Nacht und dann gab es Suppe davon. Auch Weißdaas [Nadeln der Weißtanne] wurde gekocht und der Absud getrunken. Es wird nun Frühling. Die Fischer am Hafen schenkten uns jetzt oft Fischköpfe (Dorsch), die wir kochten.

6.5.46. Heute früh unerwartet mit Schiff abgefahren nach Stettin. Wir kommen in die Kaserne, wo ich früher schon war. Von Kamerad Leo Kuen aus Kempten (in der Küche beschäftigt) bekam ich jeden Tag Suppe. Ich arbeitete wieder im Hafen beim Schiffverladen. 13.5. Heute Mitternacht auf dem Schiff verunglückt. Bin bei Dunkelheit zwischen Schiff (Kai) und Land abgestürzt. Nur mit einer Hand hielt ich noch am Rand fest und wurde von einigen Kameraden heraufgezogen. Der Arzt stellte schweren Bluterguß fest. Der linke Oberarm war so dick aufgeschwollen, daß ich mich fast nicht mehr ausziehen konnte. Ich kam nun ins Lazarett Krekow. 17.5. Arm noch dick angeschwollen, habe Schmerzen, Verpflegung besser, draußen schönes Wetter.

20.5. Heute ins Genesungsbatallion gekommen, Arm in der Schlinge und kann nichts arbeiten. Habe heute Kamerad Bender (Feldpost) getroffen. Dieses Lager sei ein Entlassungslager. Habe große Hoffnung, daß ich nach Hause komme, besonders in meinem jetzigen Zustand.

6.6.46. Mein Arm ist noch nicht in Ordnung, bin arbeitsunfähig, bin in Behandlung bei Masseur und Bestrahlung. Auch gibt es 10g Butter, täglich 2 1/2 Zigaretten, die ich gegen Brot vertauschte. Im Quartier ist nun große Wanzenplage. 10.6. Pfingsten, habe furchtbar Heimweh. 16.6. War heute im Kasperltheater. 21.6. Arbeite ab heute in einer russischen Sauna, bekomme Zusatzessen. 23.6. Es war Einweihung einer Freilichtbühne. Am 25.6. Auf Kommando, ich mußte bei einer russischen Familie Geschirr spülen, Teppich klopfen und putzen. Bekam dafür Milch, Kuchen, Weißbrot und Obst. Das war wirklich ein guter Tag. 30.6. Ein schöner Sommersonntag, ich bin im Freien auf einer Bank und lese. 7.7. Heute Kommando zum Johannisbeerpflücken. Wir sollten zum Stehlen gehen. Wir fanden fast keine und wurden überall verjagt. 13.7. Arbeite wieder in der Russensauna, mein Arm ist noch nicht in Ordnung. Lese ab und zu Ganghofer-Bücher, es hilft über manches hinweg. Heute wieder mal umgezogen. 26.7. Großes Geschrei. Abends war öffentliche Kriegsgerichtsverhandlung über 3 Kriegsgefangene, einer aus Isny, wegen Fluchtversuch und Urkundenfälschung. Das Urteil lautete 3 Jahre Arbeitslager. Eine ehemalige Reitschule wurde als Club eingerichtet, um darin Vorträge, Verhandlungen, Versammlungen zu halten. Große Bilder von Stalin, Lenin, Thälmann usw. waren aufgehängt. Darüber ein Spruch mit meterhohen Buchstaben: "Uns hilft kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun. Um uns aus dem Elend zu erlösen, müssen wir es selber tun." 5.8. Es begannen große Untersuchungen durch deutsche und russische Ärzte, zwecks Entlassung. Ich und viele Kameraden wurden zur Entlassung aufgeschrieben. Es war große Freude. 22.8. Nochmal große Nachuntersuchung von den Vorgemerkten betreff Entlassung. Einige wenige fielen dabei durch, dabei auch ich. 23.8. Die meisten meiner Kameraden sind heute entlassen worden und ich sitze noch hier, es ist furchtbar bitter. Ein russischer Dolmetscher tröstete mich und sagte "Nächstes mal kommt ihr Durchgefallenen bestimmt daran." Wir kamen zu fünft in eine Baracke und warteten der Dinge ab. 1.9. Heute wieder große Untersuchung wegen Entlassung. Ich fiel als Einziger von den Vorgemerkten durch. Das Lager leert sich, auch mein Allgäuer Kamerad Hutter aus Eggental ist fort. Aber erst später wurde bekannt, daß nicht alle Entlassenen heim kamen. Ein Transport mit 200 Mann schnappten die Polen (darunter Kamerad Riedle, Augsburg). Sie mußten 2 Jahre in Polen arbeiten.

2.9. Bin nun wieder gesund geschrieben. War den ganzen Tag beim Stacheldrahtzaun machen beschäftigt. Es war ein sonderbares Gefühl, wenn man Menschen einzäunt. Das Wetter ist schön, Arbeit wenig, Essen besser, alle meine Kameraden fort, das Heimweh ist groß. Kam mit 15 Mann in den Küchendienst zum Kartoffelschälen (9 Stunden Arbeit). Bekamen hier zusätzlich 3 x täglich Kartoffelsuppe. Von dem vielen Kartoffelessen wurde ich wasserkrank. Bekam ganz dicke Füße. Viele Gefangene hatten dieses Übel, manche sind daran gestorben. 16.10. Kam ins Lazarett für Wasserkranke (Dystrophie). Bekamen fettreiche Kost, Weißbrot, Milchsuppe und 5 g Tabak. Durfte nicht arbeiten, nur essen und schlafen. 22.10. Es ist Herbst, die Blätter fallen, habe Heimweh, seit März keine Post von zu Hause, es ist trostlos. 25.10. Impfen gegen Typhus, es war sehr schmerzhaft. 1.11. Wieder gesund und arbeitsfähig geschrieben. 5.11. Zur Zeit. mit Kartoffelraustun beschäftigt.

14.11.46. Bin wieder in ärztlicher Behandlung. Bekam von der Wasserkrankheit her einen Riß in der Ferse.

26.11. Heute 10-jähriger Hochzeitstag, denke mit Wehmut zurück.

3.12. Heute mit 200 Mann das Genesungslager Krekow verlassen und in eine große Mühle ins Quartier gekommen. Jeden Tag auf dem Schiff arbeiten, Zucker, Salz, Zement und Korn verladen. Wir mußten 2-Zentner-Säcke schleppen. Manchmal hatten wir etwas Zucker geklaut, aber oft wurde er uns abgenommen. 20.12. Riesige Kessel (100 Zentner) mit Schwimmkran verladen. Einer von uns hatte eine elektrische Birne gestohlen. Er sollte sich freiwillig melden, was aber nicht geschah. Ein russischer Maschinist schlug nun mit einem Stock blindlings ein. Auch ich bekam Schläge. Es ist sehr kalt, das Essen wieder sehr knapp und viel Arbeit. Es sind ständig 5-6 Schiffe im Hafen. Zu einem Schiffverladen brauchen wir 3 Tage. Wir waren auch oft am Güterbahnhof beschäftigt. Von einem Kommando mit 10 Mann flüchteten einmal 3 Mann. Zur Strafe und Abschreckung wurden 3 unbeteiligte Kameraden erschossen. Von den 10 Mann kamen also nur noch 4 zurück.

Heute am hl. Abend auf Schicht, ehemaliges deutsches Schiff "Otto Schmied", die ganze Nacht Zucker verladen. An Weihnachten Doppelschicht, je 8 Stunden 2 x täglich gearbeitet.

31.12. Große Kälte, auf Schiff Kessel verladen und Kohlen ausgeladen 1.1.47. Bei großer Kälte viele Doppelschichten gearbeitet. 7. 1. Nach einer durchgearbeiteten Nacht war große Filzung. Wir mußten alles abgeben und wurden neu eingekleidet. Es wurden Vorbereitungen getroffen zu einem Abtransport. Wir wußten nicht wohin. Vielleicht nach Rußland oder Polen oder in die Tschechei. Nur die Kranken durften hier bleiben. Ein russischer Arzt wies mich auch dazu, da ich sehr blaß war. Wir 8 übriggebliebenen Männer blieben da, dafür mußten ebensoviel dagebliebene Gefangene unsere neue Kleidung nehmen und kamen zum Abtransport.Wir mußten nun ihre alten, schmutzigen Sachen anziehen. 9.1. Ich kam nun ins Lager Auto-Union. Hier ist die Unterkunft schlecht, mit vielen Doppelschichten, große Kälte. 17.1. Heute wieder große Neueinkleidung von 750 Mann. Ich war auch dabei. Abmarsch zum Bahnhof und in Güterwagen verladen, je 37 Mann.

22.1.47. Nach 5-tägiger Fahrt im Erzgebirge (Breitenbrunn) bei Joh. Georgenstadt in der Tschechei ausgeladen. Es ist eine waldige, bergige Winterlandschaft. Wir machten nun bei argem Schneesturm einen Marsch mit 27km durch bergiges Gelände (1000m Höhe). Todmüde kamen wir in der Nacht am Ziel in Joachimsthal (Jachimov) an. An der Straße durch Oberwiesenthal standen Frauen und hatten vor Rührung geweint. Joachimsthal war früher ein schöner Kurort. Hier wurden wir den Tschechen übergeben. Wir sind noch russische Gefangene aber unter tschechischer Aufsicht. Rußland hat in der Tschechei die Uranbergwerke auf 99 Jahre zum Ausbeuten gepachtet. Die erste Nacht waren wir wie die Heringe eingepfercht. Konnten nur sitzend schlafen. Die Verpflegung ist anständig.

30.1. Heute mit 25 Mann abmarschiert zu einem neuen Lager, welches 10km in abgelegener bergiger Höhe (1000 m) liegt. Der Ort heißt Seifen, wir sind 100 Mann beschäftigt. Es ist bitterkalt und scharfer Ostwind pfeift und hat hier sehr viel Schnee. Die Unterkunft war ein ehemaliges Gasthaus St. Leonhart. 4.2.47. Es ist hier sehr wohnlich. Ein deutscher Arzt, 2 Köche, 1 Schuster, Schneider und 1 Friseur , sowie ein deutscher Lagerkommandant waren hier. Verpflegung ist gut. Die Arbeit ist mäßig, wir sind nur mit Schneeschaufeln beschäftigt. Der Ort besteht aus ungefähr 50 Häusern. 5-6 Häuser sind nur noch bewohnt, da die Bewohner als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. In den leerstehenden Häusern fanden wir manches, was wir brauchen konnten. 18.2. Heute Aschermittwoch. Wir wurden von der tschechischen Bahnverwaltung zum Schneeschaufeln angefordert. Der Zug in Platten (höchste Bahnstation) stand meterhoch im Schnee. Nur das Kamin von der Lokomotive schaute noch heraus. Wir waren den ganzen Februar mit Schaufeln beschäftigt und bekamen dafür extra Brot und Suppe. Ein kranker Mann wollte sich mit einer eisernen Bettflasche wärmen. Er stellte sie mit zugeschraubtem Verschluß ins Ofenrohr. Auf einmal tat es einen furchtbaren Knall. Die Bettflasche mitsamt Ofen war in Trümmer. Sogar die Suppe vom Kessel, die auf dem Herd stand, spritzte bis an die Decke. Wir erhielten deshalb kein Mittagessen. Die tschechischen Posten wurden ungemütlich, sie haben uns manchmal geschlagen. Wir durften nur noch die Meldung in tschechischer Sprache machen. Auch ich bekam einen Schlag ins Gesicht, da ich nicht sauber still stand. 14.3. Zur Zeit jeden Tag auf Kommando (1km entfernt) in Zwittermühle beim Bau eines neuen Lagers im Schulhaus. Wetter immer kalt und stürmisch. Wir bekommen von jetzt ab Geld (2 Kronen täglich). Das ist ein Wert von 2 Zigaretten. Wir konnten uns dafür einige Kleinigkeiten selber kaufen.

Ab März durften wir jeden Monat eine Karte nach Hause schreiben. Es kamen aber nur die Hälfte an. 10.4.47. Nun ins Lager Zwittermühle umgezogen. Im neuen Lager ist es sehr wohnlich. Es gefällt uns gut. Habe gute Kameraden. Der Humor ist besser. 2.5. Heute mit großer Freude nach einem Zeitraum von 13 Monaten 2 Briefe erhalten. Das Essen ist ordentlich. 18.5. Heute, Sonntag, Löcher graben für elektrische Masten. Es wird nun Frühling. 21.5. Mit noch 14 Mann ins Lager Breitenbach abgestellt und mit Autos dort hin befördert. 23.5. Wir mußten jeden Tag in den Wald zum Bäume fällen. Ich mußte ausasten und wurde von einem fallenden Baum getroffen. Bekam einen Bluterguß an der linken Hand und Prellungen am Rücken. Hatte noch Glück gehabt, ich hätte tot sein können. Der Posten brachte mich nach Hause und ich kam ins Revier. Nach 5 Tagen konnte ich wieder in den Wald um Bäume zu schälen. 9.6. Wir graben wieder Löcher für Masten. Mit Holzarbeit flog mir ein Splitter in ein Auge. Es tat mir sehr weh, mußte zum Arzt. Mit verbundenem Aug mußte ich zum Holzarbeiten. Den Schichtwechsel der Posten nutzten der Lagerkoch mit noch einem Mann aus und flüchtete. Es war dann der Teufel los. Morgens 4 Uhr mußten wir fast nackt antreten und man ließ die Wut an uns hinaus. Das Lager lag direkt an der tschechisch-deutschen (Ostzone) Grenze. 20.6. Wir 14 Mann kamen wieder ins alte Lager (Zwittermühle) zurück. 24.6. Ich und 4 Mann wurden nun abgestellt zum Erz sortieren. Die Steine, die aus dem Bergwerk kamen auf Uran untersucht. Die Arbeit war nicht schwer aber ungesund. Manchmal arbeiteten wir mit Geigerzähler. Wir bauten einen Ofen, um die Steine zu trocknen, um das Uran besser zu erkennen. Das heraussortierte aktive Gestein wurde verarbeitet und nach Moskau geschickt. Das gute Urangestein ist schwarz wie Kohle und schwer wie Blei. Man braucht 200 Tonnen von diesem Zeug, um 1g reines Radium zu gewinnen. Arbeiter, die früher hier damit beschäftigt waren, starben frühzeitig, da Uran die Gewebe und Organe zerstört. Als Gegenmittel bekamen wir täglich 1/2 Liter Milch. Diese Sortierarbeit machten wir Monate lang. Im Juli mußten wir bei schönem Wetter zusätzlich noch heuen. Da die Bauern als Flüchtlinge fort kamen, blieb das Gras stehen. 23.9. Heute Unglück. Ein Kamerad (Gottleber aus Chemnitz) aus unserer Stube kam ums Leben. Beim Ausfahren vom Bergwerk wurde er im Fahrstuhl eingeklemmt und brach das Kreuz. Seiner Frau wurde nichts berichtet, sie schrieb noch an Weihnachten. Bin immer noch nicht im Bergwerk unten beschäftigt. Immer noch Sortierer und Heizer. 50m entfernt war ein Postenturm. Jede Bewegung wurde vom Posten beobachtet. Ich und ein Kamerad kamen bei der Arbeit zu nahe an den Stacheldrahtzaun, und schon krachte ein Schuß an unserm Kopf vorbei. Der Posten sagte: Nächstes Mal ziele ich genauer. Im Dezember hatte es viel Schnee. Bei der Nikolausfeier mußte ich den Knecht Ruprecht machen. An Weihachten hatten wir 2 Tage frei. Ordentliches Essen und eine kleine Feier. Brot hatten wir keines, da in dem schlimmen Schneegestöber es nicht zum herbringen war.

Januar 1948. Milde Witterung. 15.1. Heute mit großer Freude ein Päckchen aus der Heimat erhalten. Die Rauchwaren wurden von der Lagerleitung heraus gestohlen. Für jedes Päckchen mußten wir 9 Kronen von unserem sauer verdienten Geld bezahlen. 26.1. Verunglückt ein Bergarbeiter tödlich. Im Februar wurde das Essen wieder sehr sparsam. Die Kleidung war zerrissen und verdreckt. 1/3 hatte kein Hemd. Statt Socken gab es nur noch Lumpen. Das Schuhzeug war schlecht. Am 1.3. wieder ein Päckchen von daheim und am 9.3. von Notz erhalten. Ein junger Gefangener (Ernst Schniderich aus dem Rheinland) flüchtete durch ein Drainagerohr unter dem Lagerzaun während der Nachtschicht. Er hatte Pech, seine Flucht wurde frühzeitig bemerkt. Er wurde von den Posten bald eingefangen. Um Mitternacht mußte das ganze Lager antreten und er wurde uns vorgestellt als ein Schwerverbrecher. Er wurde von tschechischen Posten arg geschlagen und nackt in einen Keller geworfen. 21 Tage wurde er bei Wasser und Brot eingesperrt. So wurden wir von den Tschechen gehalten. Zur Zeit gibt es wieder Entlassungsparolen. Es war Schwindel. Am 24.4. wurde das Lager Zwittermühle aufgelöst. Wir wurden in 5 andere Lager verteilt. Ich kam mit 28 Mann ins Hauptlager Brüderlichkeit bei Joachimsthal. Wir kamen in eine Baracke 6 x 8 m. Hier mußten 47 Mann wohnen und schlafen. Drei Holzpritschen aufeinander, ich lag in einer untersten, konnte nicht mal sitzen. Die Unterkunft war miserabel. Von nun an mußte ich ins Bergwerk einfahren in den Schacht 6. Sohle, 380 m tief. 6 Mann kamen in den Fahrstuhl und es ging in die Tiefe. Jeder Mann hatte eine Karbidlampe dabei. Wir arbeiteten in 3 Schichten. 1/3 der Männer sind auf Schicht, das andere 1/3 schläft und 1/3 zu Hause. Die Arbeit im Schacht war äußerst gefährlich wegen der Radiumstrahlung und der primitiven Sicherheitsvorkehrung. Oft stürzten Decken ein und es gab Steinschläge. Nach 8-stündiger Schachtarbeit mußte jeder noch 2 Stunden Arbeitsdienst leisten. Ich war als Räumer und Hundefahrer beschäftigt [Hund = Förderwagen]. Wir arbeiteten mit Tschechen und allerlei Ausländer zusammen. Ab und zu bekamen wir von ihnen etwas zu essen. Die Hunde hatten 20 Zentner und sind sehr oft entgleist. Mit Brechstangen mußten wir sie wieder ins Geleis heben. An manchen Orten war die Luft sehr schlecht (Sauerstoffmangel). Auch die Lampe hat noch Sauerstoff verbraucht. In manchen Orten im Schacht war es so naß, daß man durchnäßt heraus kam. Oft fiel der Strom aus, dann liefen die Wasserpumpen nicht, so daß das Wasser stieg. Auch der Fahrstuhl stand dann still. Bei Feierabend mußten wir 70 Leitern (1/2 Stunden) hochsteigen. Das zutage gebrachte Gestein war 95% Abfall und kam auf die Halde. 5% konnte man zur Verarbeitung gebrauchen. Ich arbeitete den ganzen Mai auf der 6. Sohle. Ich verschaffte mir selbst etwas zum Essen. Uns fehlte es an Grünem. Und so pflückte ich hinter einer Baracke Brennesseln und warf sie in die heiße Suppe. Es hat mir sehr gut getan. An den Pfingstfeiertagen hatten wir etwas verkürzte Arbeitszeit. Ab Juni 1948 war die Verpflegung gut. Wir bekamen nun 1000g Brot und sonst ordentliches Essen, wir hatten keinen Hunger mehr. Es war nur etwas einseitig. Das Gemüse und Salate fehlen uns.

Im Juni arbeitete ich auf der 7. Sohle 500 m tief. Es war hier sehr warm, aber schlechte Luft. Es gab hier alle Arten von Gestein, Kupfer, Silber und Wismut. Früher wurde hier Silber gewonnen. Darum der Name Joachimstaler. In der jetzigen Zeit wird nur noch Uran-Pechblende gewonnen. Wir hatten im Lager 3 katholische Geistliche, die arbeiteten im Schacht wie wir. Ab Juli 48 hielten sie am Sonntag ab und zu hl. Messe. Sie war in der Gemeinschaftsbaracke nebenan. Ich ging auch zum Beichten, während ich mit einem Geistlichen spazieren ging. Im August hatten wir große Wanzenplage. 19.9. war große Entwanzung. Sie wurden vergast. Arbeite täglich mit Kamerad Ave im Schacht. Er war Flüchtling und hatte 8 Kinder und arbeitete nach der Entlassung weiter im Bergwerk. Infolge Uran und Staubschaden wurde er lungenkrank und starb 1965. Am 25.11. ist ein Kamerad tödlich verunglückt wegen Steinschlag. Im Dezember 48 großes Rätselraten über unsere Heimkehr. Dauernd machte man uns Versprechungen und hat uns immer angelogen. An Weihnachten war gut besuchter Gottesdienst. Unser deutscher Lagerkommandant (ein Rumäniendeutscher) störte mit lautem Schreien und Fluchen den Gottesdienst. Es war ein brutaler Kameradenschinder, den es je gab. Er hat viele Gefangene verraten und geschlagen. Er beging auch manche Schweinereien und seine Macht war zu Ende. Er verpflichtete sich in der Tschechei, weil er sich nicht mehr nach Deutschland getraute. Manche hätten die Wut an ihm gerächt. So hatte der Nero (wie man ihn hieß) ein Ende.

Um das Lager Brüderlichkeit war ein 2 1/2 Meter hoher Stacheldrahtzaun in doppelter Ausführung, über 2km Länge. Nachts brannten 200 elektrische Lampen rings am Zaun. Zirka 10 Postentürme mit Maschinengewehr bewaffnete Posten ragten in die Höhe. Innerhalb dem Zaun war auch das Zechengebäude mit einem riesengroßen Sowjetstern, dar Nachts beleuchtet war. Fiel in der Nacht der Strom aus, wurden Leuchtkugeln geschossen, so daß es hell wurde.

Im Februar 49. Mit nach Hause kommen wurde wieder nichts. Wir bekamen als Trost 2 Hemden und 1 Unterhose. Innerhalb des Lagers wurde nun ab und zu Theater gespielt, auch eine Musik wurde zusammengestellt. Dafür wurde uns an den wenigen Kronen, die wir bekamen, noch abgezogen. 5.3.49. Mit großer Freude einen Kameraden aus Ottaker, Karl Pfattischer getroffen. Er arbeitete 1km entfernt im Hauptlager. Wir waren in beiden Lagern 8 Allgäuer. Es ist ein großer Winterrückfall mit viel Schnee. Ende März brachen 25 Mann unter den schwierigsten Umständen aus und flüchteten. Lange vorher wurde die Flucht organisiert. Sie stiegen durch einen alten Schacht aus, der seit 1880 nicht mehr benutzt wurde. Alles war morsch und brüchig. Aber es gelang. An uns Dagebliebenen ließ man nun den Zorn hinaus. Statt 8 mußten nun 16 Stunden gearbeitet werden. Mit der Zeit wurde es wieder ruhiger und es ging wieder zu wie früher. Im April (Ende) wiederholen 15 Mann (auch Unsinn aus Lechbruck) die gleiche Flucht. Die meisten Geflüchteten waren Schlosser und Facharbeiter. Als die ersten Geflüchteten fort waren, wurde der Schachtausgang mit Eisenbahnschienen verriegelt und geschweißt. Die zweiten mußten nun die Schienen durchsägen. Mit äußerster Kraftanstrengung gelang es ihnen. Gerne hätten sie mich auch mitgenommen, aber sie meinten, ich sei den Strapazen nicht gewachsen, da die andern jünger waren. In ihrer Fluchtnacht kam ein furchtbares Schneegestöber, 2 Mann verirrten sich und wurden später erfroren gefunden. Die anderen 13 Mann kamen heim. Ein Kamerad aus meiner Stube (Weber aus Dortmund) war auch dabei. Er schrieb meiner Frau, die ihm sehr dankbar war, endlich die Wahrheit.

14.4. An Ostern mußten wir arbeiten. Am ersten Pfingstfeiertag habe ich im Schacht gearbeitet. Am Montag wurde ein kleines Volksfest gefeiert.

17.7. Ich kam auf Veranlassung des deutschen Lagerverwalters aus dem Schacht heraus (da ich einer der Ältesten war) und kam mit noch 3 Mann in die Schlosserei. Wir kamen zur Reparatur von Bergwerkshunden. Es ging mir hier gut wie sonst nie in Gefangenschaft. Auch die Verpflegung ist sehr gut, die Arbeit nicht streng. 17.8. Bekam ein Päckchen vom Evangelischen Hilfswerk mit Keks und Vitamintabletten. 28.8. Heute im Theater das bayrische Stück "Der verkaufte Großvater" gespielt. Wir haben in unserer Stube mehr Platz, aber dafür Wanzen.

Es begann nun eine große Werbeaktion wegen Verpflichtung für 2 Jahre in ein tschechisches oder sächsisches Bergwerk. Ich traute dem Risiko nicht. Ein großer Transport (darunter viele von der Ostzone) verließ nun das Lager. Wie wir später erfuhren, es seien die meisten Westdeutschen über die Ostzonengrenze geflüchtet und heim gekommen. 11.9. Ich wollte nun auch auf diesem Weg heimkommen und unterschrieb. 26.9. Ging ein großer Transport (viele gute Kameraden) ab und wir sollen in 2 Tagen darankommen. Ende Oktober. Für Verpflichtungen nach Sachsen wurden nur noch Leute aus der Ostzone geworben. Sämtliche Verpflichtungen aus der Westzone sind ungültig. Es ging mir wieder wie immer, ich saß wieder da. Manche Kameraden schrieben schon aus der Heimat. Da ich immer Kummer hatte, wie ich meine Tagebücher heimbringen werde (die mir so wertvoll waren), gab ich sie meinem guten Kameraden Kynast im Erzgebirge mit. Er schickte sie meiner Frau, die im November ankamen. 14.10. Wir sind noch hier, eine Parole jagt die andere. man sagt: Diesen Monat kommt ihr sicher nach Hause. Ende Oktober: Wir sind noch da, die Ungeduld ist groß, nach 6 Jahren ist es bestimmt nicht zu früh. Wir fragen einander oft, müssen wir Gefange allein die Wiedergutmachung leisten. Verpflichtete von der Ostzone fahren morgen ab, verliere wieder gute Kameraden. Es wird langsam Winter und kalt.

7.11. Zur Zeit haben wir 3 Tage frei wegen Umbau und Anlaß der Oktoberrevolution. Bekamen statt 30g Margarine ein 1/2 Pfund. Man hat uns heute wieder versprochen, daß wir bald nach Hause kommen. Wenn es stimmt, sind wir an Weihnachten daheim. 14.11. Heute, Sonntag, beim Arbeiten, Einbau eines neuen Fördermotors. 1.12.Zur Zeit Regen und Schnee. 3.12. Heute kamen 5000 Pakete durch das Rote Kreuz an. Die Lagerleitung durchsuchte sämtliche Pakete und vernichtete die Adressen der Absender. Jeder erhielt 3 1/2 Pakete. Meine Pakete enthielten Wurst, Keks, Schokolade, Kondensmilch, Fische, Seife und einen Rasierapparat. Es war überall große Freude. Für uns waren es unbekannte Dinge. Die Russen sagten, es sei nur Propaganda. Es paßte nicht zusammen, da man uns nur von der Armut bei den Westdeutschen erzählte. 15.12. Wir reden stündlich von Entlassung, aber nichts rührt sich. In unserem Gemeinschaftsraum konnten wir Radio hören, natürlich nur ostdeutsche Sender. Viele von uns hörten genau, wie gesagt wurde bei den Nachrichten, am 14. Dezember hat der letzte Gefangene die Tschechei verlassen, es befindet sich nun kein Gefangener auf dem tschechischen Boden. Es war bei uns nun großer Radau. Wir forderten sofort von der Lagerleitung eine Erklärung. Wir wurden dann vertröstet, es sind nach keine Waggons da. Ihr kommt bestimmt dieses Jahr nach Hause.

20.12.49. Es kam nun eine Erklärung von der Lagerverwaltung heraus. Wer sich nun ins Bergwerk nach Sachsen verpflichtet, ist in 2 Tagen hier weg. Wir hielten zusammen, und kein einziger unterschrieb. Wir sagten: Wir wollen nur auf legalem Wege nach Hause kommen, wie man uns versprochen hat. Es kam Weihnachten und wir sind noch da. Die letzten Tage des Jahres waren aufgegend, unsere Nerven sind am Ende, es ist trostlos. Unsere Kameraden treffen heimliche Abmachungen. Unser Lager "Brüderlichkeit" und das Zentrallager beschlossen, zusammen in den Hungerstreik zu treten.

1.1.1950. Überall im Lager waren große Plakate angeschlagen mit folgendem Wortlaut: Ab heute tritt alles in den Hungerstreik. Der Russe hat uns 5 Jahre belogen und betrogen. Wir essen nichts mehr bis wir im Waggon nach Hause sitzen. Wer den Hungerstreik bricht, wird später zu Hause zur Rechenschaft gezogen. Wir arbeiten weiter. Wenn einer umfällt, kommt er ins Lazarett. Die Küche kochte weiter, von uns wurden Posten aufgestellt, daß keiner Essen faßte. Den 1. Tag taten die Russen, als ob sie vom Hungerstreik nichts bemerkten. Am 2.1. kam eine russische Kommission aus Berlin mit hohen Offizieren. Sie baten uns, wir sollten essen, ihr kommt bald nach Hause. Wir drehten uns um, und gaben ihnen gar keine Antwort, und straften sie mit Verachtung.

3.1.50. Ich wurde bei der Arbeit schwach, das Hungern machte sich bemerkbar. Mir persönlich hat dieser Streik nicht gefallen, aber man mußte halt mitmachen. Es kam nun Nachricht, daß im Zentrallager der Hungerstreik zusammengebrochen sei. Wir sollen nun auch essen. Doch wir lehnten ab. Wir mußten alle unsere Sachen zusammenpacken und antreten. Es wurde noch mal verhandelt und beschlossen, daß auch wir den Hungerstreik beenden, indem uns wieder unsere baldige Heimkehr versprochen wurden. Wir aßen nun wieder, aber die Lage war sehr gespannt. Einer unserer Kameraden fragte einen russischen Offizier: Wann kommen wir endlich heim? Er sagte: Vielleicht in 3 Tagen, oder 3 Jahren, vielleicht in 30 Jahren. Das Leben geht wieder weiter. In einigen Tagen wurden wir zu einem Konzert in den Klub eingeladen. Es erschienen nur 3 Mann, das Konzert konnte nicht stattfinden. Wir konnten nicht mehr lachen und lustig sein. Nun begannen politische Vorträge über den Kommunismus. Der Redner kam aus der Ostzone. Er wollte uns auch kommunistische Bücher besorgen. Ein Kamerad schrie laut: Wir brauchen keine Bücher, wir wollen heim. 22.1.50. Beim Appell wurde uns bekannt gegeben, daß wir nächstens nach Hause kommen. Wir lachten alle, als ob man uns einen Witz erzählte. Da man es uns schon so oft versprochen hatte und immer verlogen war, glaubten wir auch diesmal nicht. Aber diesmal war es Wahrheit.

24.1.50. Wir brauchten nicht mehr arbeiten und es begannen Vorbereitungen zur Entlassung. Ganz sicher getrauten wir noch nicht. Eine Parole war, daß wir ein ein anderes Bergwerk (Hohe Tatra) kommen.

28.1.50. Wir verließen das Lager mit Lastautos. Es ging nach dem russischen Alphabet. Da hier das E hinten steht, wurde mein Name am Schluß aufgerufen. Wie immer wurde ich auch diesmal der letzte. Die Fahrt ging in Richtung Annaberg (Erzgebirge). Auf der Fahrt dorthin entgingen wir noch knapp einem Unfall. Beinahe wären wir mit einem anderen Auto zusammengestoßen (durch den Leichtsinn eines Volkspolizisten). In Annaberg wurden wir in den Zug verladen. Es waren zirka 1700 Mann. 37 Mann kamen je Waggon. Manche hatten großen Kummer, ob die Fahrt in unsern verriegelten Waggons nicht nochmals nach Rußland geht. Nach 24 Stunden Fahrt hielt der Zug in Frankfurt/Oder an. Wir atmeten auf. Es war große Kälte. Der Kommandant vom Entlassungslager hielt eine Ansprache im Namen der Deutschen Demokratischen Republik. Wir wurden in ein Lager gebracht. Zu Essen gab es außer heißem Wasser nichts 1 Tag lang. Hatten selbst noch Proviant dabei. Das Lager machte einen sehr verwahrlosten Eindruck. Wir bekamen nun Entlassungsgeld (2279,55 Ostmark). Das waren 350.- Westmark. Das war nun der ganze Lohn für 5 Jahr Arbeit. Das Geld sollte in der Ostzone angelegt oder verbraucht werden. Ist es nicht eine Gemeinheit, mit großen Buchstaben war angeschlagen: "Jeder Heimkehrer ein Freund der Sowjetunion".

2.2.50. Ich versteckte mein Geld in den Filzstiefeln, um es über die Grenze zu bringen. Nun bekamen wir den Entlassungsschein. Ich wieder wie immer bei den Letzten. Einige von uns betranken sich sinnlos. Zu Fuß gingen wir zum 1km entfernten Gronenfelde, wo wir in die 4 Entlassungszonen eingeteilt wurden und die Fahrkarten nach Hause erhielten. Herzlich nahm ich Abschied von Kameraden, die in andern Zonen zu Hause waren. Ich stieg in den Zug und fuhr Richtung Leipzig. Wir hatten in Leipzig einige Stunden Aufenthalt. Ich war stark erkältet und hatte Fieber. Schickte sofort ein Telegramm nach Hause, daß ich auf Heimreise sei. Ich legte mich im Hauptbahnhof auf eine Bank. Wir wurden von Bettlern umringt. Sie wurden von der Volkspolizei vertrieben. Es wurde von uns viel verschenkt, da sie hörten, daß wir etwas Geld hatten. In der Nacht fuhren wir weiter in Richtung Zonengrenze. 4.2. In der Grenzstation Gutenfürst angekommen. Hier wurden wir oberflächlich von der Volkspolizei durchsucht und nach Geld gefragt. Mein Geld in den Stiefeln wurde nicht gefunden. Wieder ging es in den Zug. In 10 Minuten kam der feierliche Augenblick, wir waren nun auf bayrischem Boden. In Möschendorf bei Hof gings in das amerikanische Entlassungslager. Da es Samstag war, konnten wir erst am Montag entlassen werden. Am Sonntag ging ich mit Kamerad Oberbauer in die Kirche in Hof. Ich schickte nochmal ein Telegramm nach Hause. In Hof traf ich einen Kameraden mit verbundener Hand. Ich fragte ihn nach seiner Verletzung. Er sagte: ich hatte in Frankfurt auf der Straße einen Wortwechsel mit einem einzelnen Russen. Ich schlug ihn ins Gesicht, so daß ich mich verletzte. In der dichten Menschenmenge konnte ich unbemerkt entkommen. Konnte wenigstens an einem Russen meinen Zorn rächen. 6.2.50. Nach Ordnung der Personalien im amerikanischen Entlassungslager fuhren wir spät abends nach Richtung München, wo wir Nachts 1/2 12 Uhr ankamen. Nur ein einziger Kamerad, Ludwig Kirmayer aus Kimratshofen war noch bei mir. In einem evangelischen Obdachlosenheim blieben wir über Nacht. Mit dem ersten Personenzug fuhren wir nach Kempten. Da ich stark erkältet war, tranken wir im Wartesaal (Kempter Bahnhof) Kaffee. Dann stellte ich mich im Kempter Postamt vor. Währenddessen erwartete mich meine Frau mit Annemarie vom Schnellzug auf dem Kempter Bahnhof. Sie vertröstete sich auf den nächsten Zug und ging bis dahin in die Stadt. Ungeahnt stieg ich in einen unfahrplanmäßigen Arbeiterzug, der um 3/4 11 Uhr nach Zollhaus fuhr. Bei Walter (Restauration Zollhaus) stellte ich meinen Holzkoffer ein. Eilenden Schrittes stapfte ich im Schnee dem Fußweg nach mit freudiger Erwartung der Heimat zu. Als ich zirka 100m auf der Straße lief, kam ein Pferdeschlitten im Trab daher. Es war Georg Notz, der mich abholen wollte. Frau Walter von Zollhaus hat ihm meine Ankunft telefoniert. Als wir aus dem Wäldchen hinter Gschwend herauskamen, sah ich mein geliebtes Petersthal. Es war das Bild, welches ich oft im Geist sah. Um 3/4 12 Uhr stieg ich vor unserm Haus aus. Mein Sohn Philipp und meine Schwiegermutter empfingen mich freudig vor der Haustüre. Leider war meine Frau mit Annemarie noch in Kempten und ahnten nicht, daß ich schon daheim bin. Philipp bekam schulfrei, er bekam schon Nachricht, daß Papa kommt, ehe Mama es weiß und telephonierte zu Bekannten (Kaisinger). Nun erfuhr sie es um 12 Uhr. Um 1 Uhr fuhr der Omnibus heraus, so daß sie um 1/2 2 Uhr heim kam. Das Wiedersehen war sehr herzlich, nur Annemarie wollte mich nicht annehmen, sie war scheu und kroch am liebsten in einen Winkel. Sie konnte mich nicht mehr kennen, als ich letztes mal daheim war war sie 2 1/2 Jahr. Jetzt fast 9 Jahre. Das letzte mal am 18.4.1944. Heimgekommen am 7.2.1950.

Konnte mich wieder gut eingewöhnen, meinte immer es komme ein Posten mit Maschinenpistole hinter mir her. Vom Arzt wurde ich bis 16. April arbeitsunfähig geschrieben. Mein Entlassungsgeld brauchte ich für den Zahnarzt, da meine Zähne in der Gefangenschaft kaputt gingen. Ich danke Gott von Herzen, daß er mich gesund heimkehren ließ und meine Heimat mit Frau und Kinder freudig antraf.