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1995 1997
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Reiseerlebnisse Japan und Korea - Teil 120./21. April 1995. An einem ruhigen, sonnigen Frühlingsmorgen verlasse ich allein zu Fuss und dann mit der S-Bahn die traute Wohngemeinschaft. Mein Zimmer dort ist weitervermietet, ich lasse alle Schlüssel da, im Rucksack sind etwa acht Kilo Gepäck verstaut, darunter ein Flugticket über Amsterdam nach Seoul. Der Rückflug geht ab Tokyo, aber ich muss ihn nicht antreten, er ist frei verschiebbar. Auf die Planung einer Reiseroute habe ich verzichtet, ebenso auf feste Vorstellungen davon, was ich tun werde, wann und ob ich zurückkomme. Auf dem stillen Fussweg durch die gepflegten deutschen Gärten zur S-Bahn Station geht mir so manches durch den Kopf: Ist es verrückt, einfach kurzentschlossen und alleine wegzugehen? Wie werde ich in Korea zurechtkommen, einem Land, über das in Deutschland so gut wie keine brauchbaren Informationen verfügbar sind? Gleich am Flughafen Stuttgart heisst es am Schalter der KLM-Fluggesellschaft kurz und knapp: "Sie fliegen nicht nach Seoul. Der Flug fällt aus". Was für ein Anfang. Die KLM-Angestellte organisiert einen ungünstigen Umweg über Osaka in Japan. Das bedeutet, einen mühseligen dritten Flug zusätzlich einzuschieben, zweitausend Kilometer Umweg zu fliegen, zusätzliche Wartestunden auf dem Flughafen in Osaka zu verbringen und viel zu spät in Seoul anzukommen. Nun denn, es gibt keine Alternativen. Mit dem neuen Ticket in der Hand steige ich ins erste Flugzeug der Reise. Es ist ein unbeschwerter Flug in Richtung Amsterdam mit einem richtig familiär kleinen Turbopropflugzeug. Nach Amsterdam hebt die langstreckenübliche 747 für zwölf lange Stunden über Dänemark, Südschweden, Petersburg, Sibirien nach Osaka ab. Bis Osaka ist es tausend Kilometer weiter als bis Seoul. Richtung Norden zeigt sich ein fantastischer Ausblick auf das nicht endende Abendrot. Das rote Glühen wandert scheinbar von West nach Ost, um dort als flammende Sonne steil aufzusteigen. Sonst gibt es nichts, das ablenken könnte. Die Videofilme verursachen Kopfschmerzen und zunehmende Dumpfheit, die Abfolge des Essens ist recht konfus, vermutlich ist das so in der Billigstfliegerklasse. Eine nette, mütterliche, ältere Stewardess kümmert sich um die Passagiere. Weit vor Osaka beginnt ein gleitender Anflug mit Blick über halb Japan, inklusive vieler Warteschleifen über dem brandneuen Flughafen Osaka-Kansai. Unter dem wolkenlosen Himmel liegt die Hauptinsel Honshu, in der Mitte Berge der japanischen Alpen, am Rande riesige Städte und frisch geflutete Reisfelder, die wie tausende Spiegel in der Sonne glitzern. In Zentraljapan ist der grosse, blaue Biwasee gut zu sehen, begrenzt von weiteren schneebedeckten Bergen. Flughafengelände und umgebendes Gebiet an der Ostküste sind neu aufgeschüttetes Land, erst vor kurzer Zeit dem Pazifik abgerungen. Das Flugzeug setzt nach dreizehn Stunden Flug auf, und plötzlich bin ich wieder in Japan, wenn auch nur im Transit! Nach Stuttgart und Amsterdam mutet Japan wie Science-Fiction-Land an: Der nagelneue Flughafen sieht aus wie ein Raumschiff, die Menschen verbeugen sich, "Mamunaku, Mamunaku!" Gleissendes Sonnenlicht fällt durch die elegant aufgespannten Glashallen. Es herrscht porentiefe Sauberkeit, eine umständliche aber perfekte Organisation. Seit meinem ersten Besuch in Japan vor drei Jahren ist viel Neues dazugekommen: Der Müll wird jetzt peinlich getrennt, alle Telefone sind plötzlich an das digitale ISDN-Netz angeschlossen und verfügen über Stecker für private Endgeräte, überall stehen hochauflösende und grossformatige HDTV-Breitbildfernseher zur Unterhaltung der wartenden Passagiere. Noch lieber wäre es mir allerdings, ich müsste gar nicht warten, denn um diese Zeit wollte ich schon in Seoul sein und in Ruhe eine Unterkunft suchen. Ich sitze mitten in all der perfekten Technik, reizübersättigt, stumpf und müde jetzt irgendwo den Rucksack hinwerfen, Tee trinken, dösen. 21. April 18:00 Uhr Kwang Pyung Yogwan. Endlich in Korea. Die letzten Meter gestalten sich wie immer als eine mühselige Ochsentour. Der AllNippon-Airways Flug verläuft wenigstens sauber und pünktlich mit mir als einziger Langnase an Bord. Im Bordkatalog findet sich eine deutsche mechanische Brotschneidemaschine von Graef. Ist sie etwa für das japanische watteweiche Toast-Weissbrot gedacht oder nur für Bewunderer ausländischer edler Technik? Eine Stewardess sorgt für meinen privaten Lacherfolg, als sie bei Turbulenzen das Anschnallzeichen mit "We are in trouble" kommentiert. Die japanischen Passagiere verstehen nicht, worüber ich mich amüsiere. Ihre Augen sind meist auf den Bildschirm im Flugzeug gerichtet. Vor der Landung läuft ein Videofilm, der den japanischen Reisenden das richtige Verhalten im gefährlichen koreanischen Ausland nahebringen will. Der Film ist auf japanische Weise perfekt und geht mit seinen wohlmeinenden Belehrungen bis zum korrekten Einschenken und Zutrinken beim abendlichen "Geschäftsessen". Während der Landung regnet es. In den Warteschlangen vor den Einreiseschaltern bin ich von Japanern umringt. In den Momenten vor der juristischen Einreise in ein unbekanntes Land habe ich immer ein leicht mulmiges Gefühl im Bauch. Die Japaner vor mir werden peinlich genau kontrolliert, ihre Pässe regelrecht auseinandergenommen. Als ich an der Reihe bin, sieht der uniformierte Beamte kurz überrascht auf, setzt ohne zu zögern einen Stempel in meinen Pass: neunzig Tage freier Aufenthalt. Japaner benötigen ein Visum, längere Besuche müssen sie ausführlich begründen. Ähnlich problemlos komme ich an mein Gepäck und durch die Zollkontrolle in die Haupthalle. Im öffentlichen Flughafenbereich ist der Kimpo-Airport eine Enttäuschung, er ist ältlich, klein und muffig, macht den Eindruck eines eilig errichteten Militärflughafens. Die Dame an der Tourist-Information ist mit ihrem Lippenstift beschäftigt, ehe sie mir wortlos einen unbrauchbaren Stadtplan reicht. Die Leute lächeln hier durchaus, aber nur wenn ihnen auch wirklich danach zumute ist. Es herrscht ein völlig anderes Gefühl als in Japan, augenscheinlich sind wenig Gemeinsamkeiten vorhanden. Draußen regnet es noch immer, der Himmel ist so grau wie der Flughafen. Eine Warnung des Reiseführers bestätigt sich sofort: Der Autoverkehr und die (nicht vorhandenen) Fahrkünste der koreanischen Autofahrer sind unbeschreiblich. Mir ist längere Zeit nicht klar, ob nun Rechts- oder Linksverkehr herrscht. Die Fahrzeuge weichen einander auf der breiten Flughafenstrasse ohne erkennbare Regeln aus. Der Stadtbus fährt zweimal an mir vorbei, bevor ich erkenne, dass man auf die Strasse springen muss (gefährlich!), um mitgenommen zu werden. Eine eindeutig bezeichnete Bushaltestelle gibt es nicht. Oh Gott, wo bin ich hier gelandet? Schliesslich erwische ich den Bus, der Fahrer gibt bei offener Türe schon wieder Vollgas, kaum dass ich den Fuss von der Strasse genommen habe. Auf dem Weg in die Innenstadt ist ein schwerer Unfall zu sehen. Überall in Sichtweite wird gebaut, erweitert, gegraben. Hypermoderne Gebäude werden zwischen verrotteten Hütten hochgezogen. Seoul wird in kurzer Zeit wie Singapur aussehen. Dann bricht ein übler Platzregen los, ich steige auf gut Glück irgendwo aus, wo ich die Innenstadt Seouls vermute. Es ist nicht leicht, sich zu orientieren. Überall muss man achtspurige Strassen überqueren, auf denen die Autos dahinrasen, ganz egal welche Farbe die Ampeln anzeigen. Nach langem Suchen finde ich ein erschreckend teures Zimmer im Kwang Pyung Yogwan. Ein Yogwan (japanisch: Ryokan) ist eine Herberge mittlerer Kategorie in koreanischem Stil, einfacher und kleiner als ein Hotel, von einer Inhaberfamilie privat geführt. Das Kwang Pyung mit seinem alten Gebäude hat wenigstens eine fantastische Atmosphäre und die herrliche klassische Ondol-Fussbodenheizung. Abends heizt man einen kleinen Kohleofen an einer Aussenseite des Gebäudes an, durch eingemauerte Ziegelrohre strömt die Warmluft durchs Haus und heizt die Fussböden auf. Für den Ofen wird ein spezielles, mit Ton verpresstes grosses Kohlestück verwendet, das auch nach dem Erkalten seine Form behält. Morgens stellen die Hausfrauen das verbrauchte Stück vor die Haustür, der Kohlenmann tauscht es gegen ein neues aus. Bettzeug und Zimmer sind an diese Art der Heizung angepasst. Alle Fenster bleiben normalerweise über Nacht geöffnet, man liegt im angenehm warmen Bett auf dem Boden wie auf einer riesigen Wärmflasche, während ein kühler Luftzug über die Bettdecke hinwegstreicht. Die Matratze ist wesentlich breiter als die üblichen neunzig Zentimeter in Japan und lässt die Wärme des Bodens gut durch. Die Decken sind mit wunderschönen, bunten und seidenartigen Stoffen bezogen. Meine Energie ist restlos erschöpft, um 19 Uhr Ortszeit falle ich auf das wohlig warme Bettzeug und schlafe nach wenigen Sekunden ein. Für dreizehn Stunden, tief und traumlos. 22. April. Am nächsten Morgen nach dem Aufwachen habe ich gar keine Lust, das warme Bett zu verlassen und in die fremde Umgebung einzutauchen. Die Stadt wirkt sehr verändert. Es regnet nicht mehr, doch die Wolken hängen tief. Der erste Tag in einer völlig fremden Umgebung ist immer ein Kulturschock, man sieht ihn zwar auf sich zukommen, kann ihm aber nicht entkommen. In einem grossen Park, der zu einem alten Palast gehört frühstücke ich, sonst ist kaum jemand da. Nur einige Hochzeitspaare sind mit ihren Fotografen unterwegs, um auf den Grünflächen zu posieren und sich dabei fotografieren zu lassen. Die Bräute stecken in westlichen Hochzeitskleidern, die nur so vor rosa Seide, Tüll und Spitzen strotzen. Von draussen dringt nur schwach das Getöse der Grossstadt über die hohen Mauern. Ziegeldächer und Bronzegegenstände tropfen noch feucht vom nächtlichen Regen. Unter blühenden Kirschbäumen liegen gefallene Kirschblüten wie frischer Schnee. Es ist seltsam, hinter den geschwungenen klassischen koreanischen Dächern Wolkenkratzer aufragen zu sehen. Anschliessend plötzlich ohne Begleitung durch die endlose Millionenstadt Seoul zu wandern absolut abgeschnitten von der Welt, in der man einen Tag vorher noch wie selbstverständlich gelebt hat ist viel verrückter als es sich nur in Gedanken auszumalen. Ständig findet für einige Sekunden wieder geistig ein Rückfall in das vertraute Europa statt. Seoul ist anfangs eine unbegreifliche Stadt. Ich gehe in das Vorzeigekaufhaus Lotte (zu jeder Tageszeit unglaublich überfüllt, dabei sehr teuer), in einen weiteren Palast, in das Nationalmuseum, die Hauptstrasse Usedong entlang, über Märkte Mich erinnert Seoul viel mehr an Hongkong als an Japan. Es ist laut, relativ unübersichtlich, jeder dritte Laden ist ein grosses Kaufhaus, aber das hat eine 14-Millionen-Stadt wohl so an sich. Das Nationalmuseum war das ehemalige Regierungsgebäude der japanischen Kolonialregierung bis 1945, man diskutiert heftig darüber, es zu sprengen. Es steht völlig deplaziert auf dem Gelände des neuesten Königspalastes (Seoul hat drei alte Paläste). Schon von aussen ist überdeutlich zu erkennen, dass es sich um einen protzigen Bau des Faschismus handelt, aber gerade das macht das Gebäude wieder reizvoll - ich würde es nie abreissen! Innen demonstrieren Deckengemälde im "Blut und Boden"-Stil und Prunkmarmor den absoluten Kultur- und Machtanspruch der japanischen Kolonialverwaltung. Korea war das erste Opfer des japanischen Imperialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich Japan - den europäischen Mächten nacheifernd - sein eigenes Kolonialreich aufbaute. Nach dem russisch-japanischen Krieg 1904 besetzten japanische Truppen Korea. In den folgenden Jahren wurde das Land zunehmend ausgebeutet, die Menschen rücksichtslos unterdrückt. Zuletzt war sogar die koreanische Sprache verboten, Millionen koreanischer Zwangsarbeiter schufteten in Japan, um für den Nachschub der japanischen Kriegsmaschinerie zu sorgen. Korea überlebte diese Zeit. Japan beging im Grunde den Fehler, eine wesentlich ältere und zähere Kultur beherrschen zu wollen. Bis heute ist das Thema im Kern unbewältigt und stark emotional besetzt. Trotzdem ging man in früheren Jahren pragmatischer mit diesem japanischen Erbe um und benutzte das Gebäude für die koreanische Regierung. Schon die einzigartige Geruchskombination von Stadt und Leuten fällt jedem neu Angekommenen sofort auf. Das Nationalgericht Kimchi und das Nationalgewürz Knoblauch hinterlassen deutliche Duftschwaden an allen Orten, an denen sich Menschen aufhalten. Kimchi ist sauer eingelegtes und scharf gewürztes Gemüse. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch nicht daran, dass ich später danach süchtig werden sollte. Dieser Duft mischt sich mit dem Bukett von Abwässern und verrottenden Essensresten. Der Gebrauch von Siphons scheint noch weithin unbekannt, und so steigen diese Aromen aus allen Ecken und der Kanalisation auf, leider auch in den älteren Gebäuden. Fast überall in der Stadt stehen Hochhäuser und alte Quartiere direkt nebeneinander. Einige schmuddelige Ecken haben den Bauboom überlebt, aber auch deren Ende ist abzusehen (wie lange noch?), die ganze Stadt wirkt tagsüber sehr quirlig und lebendig. Ein paar Besonderheiten, die es nur in Seoul gibt, sind beispielsweise die vielen Hinweisschilder für öffentliche Bunkerräume und die regelmässigen Luftschutzübungen. Jedem hier ist bewusst, dass sich die nordkoreanische Armee mit ihren Raketen nicht einmal sechzig Kilometer entfernt von der Stadt auf der anderen Seite der hermetisch abgeschlossenen Grenze befindet. Ein Angriff würde mit Sicherheit die sofortige Zerstörung von Seoul verursachen. Im Koreakrieg bis 1953 wurde die Stadt insgesamt viermal von den verfeindeten Armeen erobert. Bei der Vorstellung eines neuen Krieges schaudert mir, sicher auch jedem anderen. Ein Krieg ist nicht ganz unwahrscheinlich, jedes Jahr gibt es tödliche Zwischenfälle an der Waffenstillstandslinie von 1953. Dort stehen sich seit mehr als vierzig Jahren die kampfbereiten Armeen gegenüber. Vor der Küste kreuzen amerikanische Schiffe mit Atomwaffenmunition an Bord. Solange im streng kommunistischen Nordkorea eine völlig wirklichkeitsfremde und unberechenbare Machtclique das Sagen hat, könnten die provozierten Grenzzwischenfälle jederzeit eskalieren. Vor einiger Zeit entdeckte man mehrere Geheimtunnels, die versteckt vom Norden unter der Demarkationslinie hindurch nach Süden führten, so gross, dass exakt zwei Panzer nebeneinander nach Süden rollen konnten. Nordkoreanische Agenten morden und entführen nicht nur in Südkorea, sondern auch in Japan. Schon zu Beginn meines Aufenthalts ist zu spüren, wie wenig international die Hauptstadt ist und wie sehr Europäer auffallen. Selbst in Seoul gibt es so wenige Ausländer, dass einige Kinder auf mich zeigen und ihre Mütter wahrscheinlich fragen, was das für eine seltsame bleichgesichtige Langnase ist. Wenn in der Nähe der touristischen Sahnestückchen überhaupt Europäer zu sehen sind, dann meist Leute, die bei ausländischen Firmen angestellt sind. Trotz meiner nicht gerade businessliken Kleidung und mangelnder Rasurdisziplin vermuten viele Koreaner, ich sei geschäftlich unterwegs. Für Ausländer scheint es wenig Gründe zu geben, durch das Land zu reisen. Wieder einmal bin ich sprachlicher und kultureller Analphabet. Ich beherrsche noch nicht einmal die koreanische Lautschrift. Das ist ärgerlich, denn ich habe mit einem Verzeichnis in der Hand ein anderes preiswerteres Yogwan gesucht und bin daran vorbeigelaufen, weil das Schild auf Hangul geschrieben war. Ein brauchbarer Trick, der mir später eingefallen ist: Man sollte nicht nach den unleserlichen Namen, sondern der Telefonnummer suchen, die immer mit auf den Schildern steht. Am Abend bin ich wieder ziemlich erschöpft, nur noch eine Katzenwäsche und dann endlich schlafen. Das Bad besteht aus einem heruntergekommenen Raum mit einem Kaltwasserhahn in Kniehöhe, aber das Zimmer mit seiner grossen Schiebetür zum Innenhof und der herrlichen Ondol-Fussbodenheizung macht vieles wett.
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