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Einleitung

1995
- Seoul
- Puyo
- Pulguk-Sa
- Shimonoseki
- Hiraizumi
- Takamatsu
- Deutschland

1997
- Kagoshima
- Kyongju
- Sapporo
- Deutschland

Glossar, Literatur, Bücher

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Teil 3

8. April. Von Chongju mit dem Bus nach Puyo. Je tiefer ich in die Provinz komme, desto schmuddeliger wird es. Der optische Eindruck eines Entwicklungslandes täuscht aber: Der Schmutz stammt vom überbordenden Wohlstand. Seinen Müll in die Landschaft zu werfen oder ihn anzuzünden ist der normale, allgemein anerkannte Weg, ihn loszuwerden. Jeder Motorrad- oder Radfahrer rast mit seinem Vehikel über Grünstreifen und öffentlich zugängliche Parks. An manchen Stellen gibt es innerorts Radwege, sie sind die reine Freude für sämtliche Mopedfahrer, die darauf prima am Dauerstau vorbeirollen können wenn sie nicht in Fussgängermassen steckenbleiben, aber dafür gibt es ja die Hupe. Wo gefahren werden kann, da wird gefahren, was irgendwie möglich ist, wird ausgenutzt. Nur die Hügelgräber (es müssen tausende sein) in der Gegend sind tabu. Sie sind gut gepflegt und wirken völlig unberührt.

In Puyo bin ich zum ersten Mal in einer Jugendherberge untergekommen. Ob es dort auszuhalten ist, wird sich noch herausstellen. Das Gebäude ist ein riesiger Bau mit Garten, Auffahrt, Rezeption, eher ein Grosshotel als eine Jugendherberge. Auf jeden Fall ist es billiger als in irgendeinem Yang-Yogwan (Yang sind die luxuriöseren Herbergen), das man dank dem seit Jahrzehnten veralteten Reiseführer sowieso nicht findet. Genialerweise sind in den seltenen, ungenauen Karten nur die teureren Yogwan, nie die preiswerteren Yoinsuk (sehr einfache Unterkünfte, kein heisses Wasser und kleine Zimmer, manchmal ohne richtige Fenster) eingezeichnet. Die ebenfalls preiswerten Minbak (japanisch Minshuku, so etwas wie "Bed & Breakfast") sind mangels Sprachkenntnissen schwer zu organisieren.

Überraschenderweise führt mich der Jugendherbergsangestellte in ein grosses Zimmer - exklusiv für mich, genau wie das Bad, das zu jedem Zimmer gehört. Es ist richtig einsam, ungewohnt, einen grossen Raum für sich zu haben. Ausländern mutet man nicht zu, mit dem gemeinen Volk zusammen zu wohnen. Auf den Gängen stehen wie in Hotels grosse Kannen Mool, der omnipräsente Tee aus gerösteter Gerste. Im Winter wird er heiss, im Sommer kalt serviert, eine echte Erfrischung und sehr wohlschmeckend. Auch in jedem Restaurant wird kostenlos Mool zu den Gerichten angeboten, so viel man will. Abends treffe ich auf eine Gruppe von Lehrern, die mit ihren Klassen ebenfalls in der Jugendherberge übernachten. Die meisten sprechen gut Englisch. Wir reden über dies und jenes, auch über die Situation in Nordkorea (eine vorsichtige Standardfrage von mir). Ihr Kommentar: "Kein Problem. Sie haben zwar mehr Soldaten, aber wir haben viel bessere Waffen". Auf das Verhältnis zu Japan angesprochen antworten auch viele sehr junge Leute, dass Japaner im Grossen und Ganzen normale Leute seien, ein bisschen verschlagen und falsch halt, aber Japan als Staat dürfe man keinesfalls über den Weg trauen.

29. April. Die Jugendherberge erweist sich zwar wie alle Jugendherbergen der Welt als furchtbar laut, aber die Crew ist sehr nett und das Gebäude ziemlich luxuriös. Am wichtigsten ist, dass sie meine Kasse schont.

Beim Felsen der fallenden Blüten (hier stürzten sich die bunt gekleideten Hofdamen des untergegangenen Paek'che-Reichs zu Tode, um nicht dem Feind in die Hände zu fallen) lerne ich den ersten deutschsprechenden Koreaner in Korea kennen. Ein ehemaliger Maschinenbaustudent aus Stuttgart. Im Nationalmuseum danach gleich noch jemanden, beziehungsweise eine ganze Gruppe mit einigen Deutschsprechern. Nette Leute (wie fast alle hier), sie haben mich für den Abend zu ihrem Grillfest am Flussstrand eingeladen.

Die Museen haben generell ein hohes Niveau. Die meisten sind mit zweisprachigen Informationen versehen, die Präsentation der Exponate ist geschmackvoll, sachkundig und nicht überladen. Die Museumsgebäude sind architektonisch gelungene Räume, die alte Ideen der klassischen koreanischen Kultur (zum Beispiel Raummaße oder die Integration des Daches in Gebäude und Landschaft) ansprechend miteinbeziehen und verarbeiten. Viele Anlagen sind ebenso harmonisch in die Landschaft eingepasst wie alte Tempel. Sehr interessant ist auch die Präsentation, sie bewegt sich nicht nur auf Schulkinderniveau. Schon als in Korea noch gehungert wurde, hat man moderne Museen gebaut, um den Menschen ihre eigene Geschichte nahezubringen. Sie wären ein Vorbild für viele deutsche Museen. Alle wichtigen Relikte aus der Vergangenheit sind streng klassifiziert und nummeriert, ausserdem ist dann grundsätzlich eine zweisprachige Tafel (englisch und koreanisch) in der Nähe angebracht, auch in entfernten Gegenden oder mitten im Wald. Die Museen sind übrigens auch der einzige Ort, an dem man Postkarten kaufen kann, sonst sind sie nirgends zu haben in Korea.

Trotz der in den letzten Jahren verstärkt auftauchenden japanischen Touristen hängt neben den massiven Edelstahlschildern nur manchmal ein kleineres Holztäfelchen, auf dem abgekürzte Erklärungen auf Japanisch zu finden sind. Japaner müssen sich bücken, um die Tafel zu lesen und sie können sicher sein, dass darauf trotz aller Kürze die Untaten der japanischen Invasoren im 16. Jahrhundert beschrieben sind. Während der beiden Invasionsversuche durch Hideyoshi wurden in der Tat fast alle wichtigen historischen Gebäude in Mitleidenschaft gezogen, übrig blieb ein verwüstetes Land. Der grösste Volksheld ist immer noch General Yi Sun-Sin, der mit seinen Panzerschiffen und genialer militärischer Strategie den Japanern einen Strich durch die Rechnung machte. In fast jeder Stadt steht sein Denkmal.

Später heften sich noch drei Kinder an meine Fersen, sie folgen mir durch die ganze Stadt und lassen nicht mehr los. Es ist eine Szene wie im Rattenfänger von Hameln. Sie ziehen mich in ein Elternhaus, dort werde ich auf ein Sofa plaziert, bekomme heisse Nudelsuppe vorgesetzt und darf meine überragenden Fähigkeiten als Kalligraph lateinischer Schrift zeigen (ich schreibe ihnen meine Adresse auf). Erst esse ich mit dem Löffel, aber dafür ist eine Nudelsuppe völlig ungeeignet. Als ich auf Stäbchen umsteige, trägt mir das weiteres bewunderndes Staunen ein. Keiner spricht etwas anderes als Koreanisch, so wird die "Unterhaltung" lustig. Anschliessend gehen wir Fische für ihr Aquarium kaufen, dann gehe ich zur Jugendherberge zurück. Die Leute von der Jugendherberge erklären ihnen lachend auf Koreanisch, dass ich nun etwas Ruhe bräuchte an diesem heissen Tag und nicht mehr zur Verfügung stehe. Uff, ich bin sie los. Es stimmt, es wird immer heisser. Ich habe seit Tagen einen Sonnenbrand, den ich nicht mehr loswerde.

Am Abend treffe ich die Studenten aus dem Museum wieder. Das war ein Höhepunkt. Erst sind wir zum Essen in ein Restaurant gegangen, das ich als Ausländer nie gefunden hätte, dann konnte ich mich nach Herzenslust durch die Gerichte schlemmen, die man nur als Gruppe serviert bekommt. Wir essen ein richtiges Hanjongshik, ein Bankettmahl mit tausenderlei Gerichten. Der Tisch reicht für die vielen Schalen nicht aus. Anschliessend sind wir an den riesigen Sandstrand des Flusses spaziert, haben ein Lagerfeuer gemacht, allerlei Alkoholika getrunken und gesungen. Eine richtige Spät-68er Atmosphäre, leider konnte ich keine deutschen Lieder beitragen welch Schande! Vor der nächsten Reise sollte man das unbedingt lernen!

Nachts in der Jugendherberge war ich wieder allein im Zimmer, obwohl einige andere koreanische Gäste da sind. Es wird wohl immer noch Rücksicht auf mich bedauernswerten Europäer genommen.

30. April, Puyo - Taejon. Im Morgengrauen mache ich mich in Richtung Busterminal auf. Als ich ziemlich unwissend aussehend um die Busse streiche, hält ein Auto neben mir und jemand spricht mich an. Ein Koreaner, der fragt, wohin ich will. Mir ist nicht klar, ob er wirklich in die gleiche Richtung fährt, aber ich komme mit ihm irgendwie bis in einen Stadtteil von Taejon. Mittlerweile bin ich es gewöhnt, mich ohne Karte durchzuschlagen und finde mich besser zurecht. Er ist wie viele Koreaner von Deutschland sehr angetan, jeder freut sich überrascht, wenn ich verneine, aus Amerika zu kommen und "Toggil" sage Deutschland. Einerseits identifiziert man sich mit Deutschland, weil es wie Korea nach dem Krieg ein Teilungsschicksal erlitt. Andererseits gilt Deutschland als der interessanteste Staat Europas, von dessen Erfolgen man lernt, aber dessen Fehlentwicklungen offen benannt und nach Kräften vermieden werden. Die Kenntnisse über Deutschland sind etwas romantisiert, aber auf weit höherem Niveau als unser Wissen über Korea.

Taejon ist ein typischer Vertreter einer koreanischen Millionenstadt. Diese Städte sind unglaublich urban, bunt, lebendig und vielfältig bis ins letzte Detail. Ich sitze im "Wally" einer verrückten Mischung aus London, Tokyo und Wien. Oder dem, was die Koreaner darunter verstehen. Es ist eigentlich eine moderne Version eines "Tabang", eines Kaffeehauses, die es früher sehr häufig gab. Die Form hat man wie alles andere auch der internationalen Mode angepasst, aber der Inhalt ist der gleiche geblieben. Diese schicken Läden sind nie voll, aber überall vorhanden. Tagsüber sind viele Schüler da, später auch ältere Gäste, je nach Stil des Cafés.

In einem älteren Viertel finde ich ein Yogwan mit einem netten Besitzer. Wir sitzen später oft zusammen und trinken etwas, leider spricht er kein Englisch. Das Zimmer ist klein, aber schön. Die Einrichtung besteht aus dem üblichen zwanzig Zentimeter hohen Tischchen, dem Bettzeug und einem Tablett mit Gläsern und einer frischen Flasche Gerstentee. Mehr brauche ich auch nicht. Die Schiebetür ist nicht einmal verschliessbar, aber mir wurde in Korea niemals etwas gestohlen. Alle Zimmer gruppieren sich um einen zum Innenhof hin offenen Gang, dessen Schiebetüren nach draussen im Sommer entfernt werden. Der Innenhof gibt dem Haus Ruhe, nicht einmal der schlimmste Verkehrslärm dringt herein. Ganz ohne aufwendige Technik, ohne doppeltverglaste Isolierscheiben. Das Gebäude ist so konstruiert, dass es dem Lärm einfach aus dem Weg geht. Abends sinke ich ins bunte Bettzeug, das von der klassischen Ondol-Fussbodenheizung wohlig warm wird, drehe mich auf den Bauch und schlafe so tief und gut wie nie zuvor. Der Fussboden ist mit einer dicken, gelblichen Papierart belegt. Koreanische Gebäude vereinen für mich das System der Fussbodenheizung (das in Europa mit den Römern seinen nie wieder erreichten Höhepunkt fand) und die Architektur Ostasiens auf geniale Weise. Ärger wegen meiner starken Hausstaubmilbenallergie bleibt völlig aus, ich kann tief und ruhig atmen. Wegen der Art der Heizung gibt es keine Teppiche und auch sonst erzeugt das Heizsystem ein Klima, das den Milben offenbar nicht behagt ganz im Gegensatz zu mir. Allergieärger bekomme ich in Korea später nur am letzten Tag vor der Abreise, als ich in einem westlichen Bett mit Matratze schlafen muss.

1. Mai, Taehun-San, Provincial Park. Heute ist ein Feiertag, ich bin fast nicht mehr flüssig. Viel Geld brauche ich allerdings nicht für die geplante Bergtour in einem Provinz-Naturpark. Auf dem Weg dorthin stehe ich im überfüllten Bus, der sich langsam Passtrassen und schmale Bergstrecken emporquält. Langsam fahren bedeutet in Korea soviel wie "zu geringe Motorleistung haben". Die Aussicht in die Landschaft ist sehr schön. In alle Richtungen erstreckt sich eine wilde, unberührte Berglandschaft. Entlang der Strasse an flacheren Stellen sind besonders viele Ginsengfelder mit ihren schwarzen zeltartigen Abdeckungen zu sehen. Für Ginseng ist Korea seit dem Altertum bis heute berühmt. Bis in die sechziger Jahre stellte die Heilwurzel eines der begehrtesten Exportartikel dar. Auch der erstklassige Ruf der koreanischen Medizin gründet sich zum Teil auf den guten Ginseng. Früher bezahlte man den Hausarzt mit einem regelmässigen Beitrag, mit dem alle eventuell nötigen Behandlungen inbegriffen waren. Für die Ärzte war es am günstigsten, wenn in den betreuten Familien möglichst niemand ernstlich krank wurde. Das medizinische Wissen um die Verhinderung von Krankheiten und ihre frühzeitige Diagnose wurde deswegen besonders hoch entwickelt. Viele japanische Kaiser hatten koreanische Leibärzte.

Im vollen Bus kommt man sich näher. Bis zur Endstation kenne ich einige Fahrgäste ganz gut, weil sie mich während der Fahrt angesprochen haben. Die wenigen Ausländer wagen sich selten in einen Bus, wer hier unterwegs ist, scheint den Mietwagen vorzuziehen. Als wir die Endstation erreichen, wandern wir den steinigen Weg weiter hinauf, vorbei an Sturzbächen und Felswänden. Im oberen Drittel des Bergmassivs führt der Pfad über mehrere schwankende Hängebrücken, dann folgen Klettereinlagen über Granitgrate und stark geneigte Felsflächen. Die Gipfelregion besteht ganz aus Fels, wir machen vor der großartigen Bergkulisse der Region Rast. Von oben gesehen scheint Korea ausschliesslich aus Bergen zu bestehen.

Die Koreaner wirken auf mich wie eine grosse Familie. Sie scheinen alle so nah beieinander zu sein. Freunde rufen sich auf der Bergtour allerhand zu, niemand ist allein, sie bewegen sich ausnahmslos in Gruppen. Sie sind warm, neugierig, herzlich, wenn auch oft unter der hilfreichen Wirkung von Alkohol. Betrunkene Japaner gehen in sich, Deutsche nerven durch ihre emotionale Instabilität, Koreaner sprechen jeden an, noch mehr als sonst. Nach dem Abstieg haben mich vier Betrunkene in eine Kneipe gezerrt und wir haben noch einige Zeit zusammen bei guter Laune weitergetrunken. Ein nettes Paar, mit dem ich zusammen auf dem Berg war, hat mich "gerettet", sonst wäre ich nicht mehr weggekommen.

Die beiden waren wie alle recht freundlich, wir haben uns immer wieder gegenseitig eingeladen. Auf diese Weise haben wir uns allerlei Nettigkeiten, wie süssen Reistee, Reiskonfekt, Eintrittsgelder für Sehenswürdigkeiten und Getränke gegönnt.

4. Mai. Ich bin nach Seoul zurückgefahren. Aus der Überfahrt zur Insel Cheju wird nichts, da die Fähre einfach zu teuer ist. In Seoul habe ich zunächst überhaupt kein Zimmer gefunden, alles preiswerte ist voll belegt. Schliesslich finde ich ein dunkles Loch in einem Yogwan, doch es ist billig. Die meisten Zimmer sind von Amateur-Englischlehrern aus dem Westen belegt. Diese Meute ist eine Welt für sich. Sie leben hier für ein paar Monate und arbeiten, bis sie genug Geld für was auch immer zusammen haben. Sie bestechen durch ihre aufgeblasene Überlegenheit und setzen keinen Schritt ins Land, um aus ihrem Kleinstghetto herauszukommen. Über Koreaner und koreanische Eigenheiten wird wie über exotische Affen im Zoo gesprochen, man versucht gar nicht, die Kultur in sich aufleben zu lassen. Man spricht stundenlang über sich selbst oder über Geld. An anderen Dingen besteht wenig Interesse. Morgen ist Buddhas Geburtstagsfest, ein Feiertag  "Oh, yes?". Mit vielen Koreanern konnte man sich trotz der Sprachprobleme intensiver unterhalten.

In der Nähe des jüngsten Königspalastes gerate ich in eine Gedenkstätte. Sie ist an dem Platz erbaut, an dem Ende des 19. Jahrhunderts Königin Min und einige ihrer Hofdamen von japanischen Agenten ermordet wurden. Damals war Korea Schachfigur der Grossmächte. Es gab Strömungen im Land, die ein Bündnis mit Russland befürworteten, andere wollten mit Japan oder China paktieren. Königin Min vertrat die pro-russische Fraktion, was den machtlüsternen Japanern gar nicht gefiel. Ohne dass ein besonderes Jubiläum ansteht, liegen an dem Platz Berge von frischen Blumen. Grosse mehrsprachige Gedenktafeln erzählen von der Tragödie, die sich hier vor über hundert Jahren abgespielt hat. Ein Feuer brennt in einer Metallschale. Der ganze Ort strahlt eine schwere, ernste Stimmung aus. Viele Besucher kommen hier her, einige weinen sogar. Tief empfundene spontane Emotionalität ist ein selbstverständlicher Wesenszug vieler Menschen, der in verschiedenen Formen immer zu spüren ist.

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