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1995 1997
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Teil 410. Mai. Nach Tagen ist es mir endlich gelungen, das Loch gegen ein Zimmer auszuwechseln. Es war so mies! An Buddhas Geburtstag treten im grössten buddhistischen Tempel Seouls den ganzen Tag lang bis spät in die Nacht verschiedene Gruppen auf, darunter fantastische Trommler mit ihren klassischen, sanduhrförmigen Instrumenten. Auf dem Tempelgelände versammeln sich tausende von Menschen. Als es dunkel wird, werden Unmengen von Lampions angezündet. Anschliessend beginnt ein Lichterumzug durch das Stadtviertel. Ein Teil der Strassen ist gesperrt, es ist das einzige Mal, dass ich gefahrlos auf den sechs- bis achtspurigen Rennstrecken zu Fuss unterwegs bin. Zum ersten Mal sehe ich andere ausländische Touristen, ein paar nette Amerikaner schliessen sich mir an. An den nächsten Tagen lasse ich mich in der riesigen Metropole treiben, besuche Museen, weiter ausserhalb liegende Stadtteile, Märkte. Im Yogwan kann man mit gewissen Einschränkungen selber kochen, es gibt eine Art Freiluftküche. Die lustigeren der Dauergäste sind jeden Abend hier zu finden, wir sitzen manchmal in der warmen Abendluft zusammen. Ich geniesse die ruhige Zeit, trinke Tee, stehe spät auf: Statt um sechs erst um acht Uhr. Frühmorgens ist sonst die beste Zeit, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus der Stadt zu kommen. Abends öffnen wir hin und wieder eine Flasche Makkolli, ein höllisch gutes Teufelszeug - gärender frischer Reiswein, milchtrüb und noch leicht süss mit etwa 6% Alkohol, gefährlich süffig und berühmt für den Brummschädel, der einem tags darauf als Andenken bleibt. Dieses Volksgetränk ist an jedem kleinen Kiosk zu haben und sogar billiger als Bier. Die meisten der Englischlehrer-Dauergäste kennen Makkolli gar nicht, sondern halten sich an das angeblich ziemlich schlechte koreanische Bier. In einem der grossen Märkte probiere ich noch andere koreanische Spezialitäten, zum Beispiel Hunde- und Schlangenfleisch. Hundesuppe ist scharf, gut und nahrhaft, allerdings eine typische Winterspezialität. Zur Jahreszeit passt Naengmyon besser, eine kalte Buchweizennudelsuppe - kühlend und lecker im Sommer. Ich fühle mich wohl, so könnte es bleiben. Mittlerweile fange ich an, aushilfsweise (und illegal, wie alle anderen) als Sprachlehrer einzuspringen und etwas zu verdienen. Hat man einmal Fuss gefasst, bleibt man leicht hängen und schafft den Absprung in das alte Leben nicht mehr. Der losgelöste Zustand ist unglaublich verführerisch, denn vordergründig besteht keine Verpflichtung aus der eigenen Herkunft mehr. Im Gastland muß man sich als Ausländer nirgends einpassen, steht ausserhalb der Gesellschaft mit ihren Konventionen. Probleme kann man lösen, indem man einfach weiterreist. Ich beschliesse, nur noch ein paar Tage länger zu bleiben. Alle Dienstleistungen finden anders als in Europa in einer sehr locker-entspannten Atmosphäre statt. Nicht nur in Kaufhäusern, sondern auch in Banken kann man dies ständig erleben. Um Geld oder Reiseschecks in der Bank zu tauschen, benötigt man immer einige Zeit. Mit dem Einreichen eines Reiseschecks stösst man unweigerlich eine Papierkriegslawine an. Angestellte wuseln hin und her, Dokumente werden kopiert, man sitzt lange im Sessel, bevor man die koreanischen Won in den Händen hält. In einer Bank entdecke ich einmal an einem der hinteren Schreibtische einen selig schlafenden Angestellten, kein Vorgesetzter stört sich daran. Die obligatorischen Krawatten sitzen allgemein locker, manch ein Angestellter zieht die Schuhe aus, um zwischendurch die Beine auf den Schreibtisch zu legen und sich im Sessel zurückzulehnen. Oft unterhalten sich die Kundenberater mit mir über Gott und die Welt oder jemand teilt zwischendurch in einer Abteilung kühle Getränke aus. Nicht nur an die Angestellten, auch die Kunden bekommen etwas davon ab. 15. Mai. In Seoul und vermutlich auch in anderen Städten zeigen sich viele Soldaten und Polizisten, man fürchtet Aufruhr und Krawalle. Es ist Jahrestag des Massakers von Kwangju vor zehn Jahren, als der letzte Diktator auf Demonstranten schiessen liess und Hunderte dabei ermordet wurden. Der allgemeine Aufstand im Süden des Landes bewirkte eine Beschleunigung der Demokratisierung. Die Uniformierten sehen unglaublich martialisch aus, jeder U-Bahn-Ausgang ist massiv besetzt, die Regierungsgebäude sind praktisch abgeriegelt. Die Polizei ist mit Gummigeschossen bewaffnet, in einigen Fahrzeugen steht Wasser oder sogar Tränengas bereit. Dabei ist die Stadt so friedlich, keine Spur von Demonstrationen. Es gibt fast keine Türschlösser in den alten Häusern, offene Tore überall. Die Kriminalitätsrate befindet sich auf ähnlich niedrigem Niveau wie in Japan, auch die häufigsten Delikte sind ähnlich: Wenig Drogen-, Gewalt- und Eigentumsverbrechen, ein paar betrunkene Autofahrer, dafür gibt es mehr Bestechungs- und Korruptionsfälle. Ich habe mich selten so sicher gefühlt wie hier. Morgen will ich die Hauptstadt wieder verlassen, weiter nach Andong fahren. Man "verfettet" so leicht, weil in Seoul einiges leichter (nicht leicht!) ist, als im Land draussen. Seoul verhält sich zu Südkorea wie etwa Paris zu Frankreich: Eine übermächtige, riesige Hauptstadt, die auch kulturell eine starke Eigendynamik entwickelt. 16. Mai. Ich sitze im Zug nach Andong. Die Sonne scheint, die Fahrt geht durch Tunnels, über Brücken durch eine wunderschöne Berglandschaft. Die Berge sind teilweise ziemlich rauh, nackter Fels glänzt, weniger steile Flächen sind hauptsächlich mit pinienartigen Nadelbäumen bewaldet. Wenn das Tal zu eng für Reisfelder wird, plätschert unten nur ein klarer Bach mit blaugrünem Wasser. Zeitweise verdichtet sich das Tal zu einer klammartigen Schlucht, wir fahren auf einem herausgehauenen Felsabsatz auf halber Höhe dahin. Der Schnellzug (für meine Begriffe ziemlich heruntergekommen) gondelt langsam auf eingleisiger Strecke und unverschweissten Schienen (ratter... ratter... ratter...) durch die Lande, so dass man in Ruhe in jede Talmulde hineinsehen kann. Landwirtschaftlich bietet sich das gleiche Bild wie überall in Korea, aber wegen der engen Täler ist alles etwas spärlicher geraten: Reis, Gewächshäuser, Ginseng, Apfelbäumchen an Hängen und Gemüse. Jeder bebaubare Fleck ist bebaut. Ab und zu kommt man an bunkerähnlichen Gebäuden vorbei, besonders vor Tunnels. Die Angst vor der nordkoreanischen Bedrohung reicht bis in die abgelegensten Ecken Südkoreas. Als sich der Zug nach einigen Stunden Andong nähert, steigen immer mehr Leute aus, der Eisenbahnwagen ist schliesslich fast leer. Im Wagen sitzt der Archetyp einer etwa fünfzig bis sechzig Jahre alten Koreanerin. Diese Frauen sind eine ganz besondere Gruppe, die mir etwas anders als die übrigen Leute vorkommt. Es sind die kräftigsten Drängler im Bus, die unfreundlichsten Marktfrauen, die eifrigsten Kirch- und Tempelgänger und zeigen das stärkste Misstrauen gegenüber Ausländern. Ich verstehe nicht, warum sie mir so auffallen. Auch in Deutschland zeigt diese Gruppe manchmal verwandt wirkende Verhaltensweisen (zum Beispiel unverhohlene Frömmigkeit), aber hier scheinen sie wirklich Probleme mit der Welt zu haben. Ist es die Sinnlosigkeit nach dem Wegzug der Kinder, was noch vor einer Generation nicht üblich war? Viele Frauen wirken sehr rauh auf mich und benehmen sich alles andere als "easy-going". Als ich jüngere Koreaner danach frage, stimmen sie mir meist zu und meinen, dass die Frauen dieser Altersklasse ihre Jugend im Koreakrieg verbracht und danach in der langen Armutsperiode gelitten hätten. Vielleicht lasse ich mich auch durch Einzelfälle in Klischees hineinsteigern? Die Frau im Eisenbahnwaggon gegenüber hält jedenfalls den Mann mit der Minibar (etwas zu essen kann man überall kaufen, egal wo!) an, redet etwas mit ihm und deutet kurz auf mich. Daraufhin kommt er zu mir herüber und gibt mir einige Dinge aus dem Sortiment, ein Geschenk der Frau gegenüber. Ich stehe auf, verbeuge mich höflich und bedanke mich auf koreanisch. Sie lächelt breit und ehrlich. Eines der Geschenke ist eine Packung halbgetrockneter, leicht salziger Tintenfische, das absolut beste Knabberzeug, das ich bisher überhaupt kennengelernt habe. 19. Mai. Andong selbst war weniger interessant, so dass ich gleich am nächsten Tag nach Kyongju weitergereist bin. Schon auf den ersten Blick erscheint dieser Ort aristokratischer als andere Städte. Viele Häuser sind verhältnismässig geschmackvoll mit einem sichtbaren Quantum an Ästhetik errichtet. Das Nationalmuseum besticht zwar durch klassische Formen, aber es ist schade, dass keine englischen Erklärungen vorhanden sind. Die gab es sogar in Puyo, der letzten Hauptstadt des Paek'che-Reichs in Südwestkorea. Landschaft und Klima sind wie überall traumhaft, nur ab und zu weht der Wind zu kräftig oder es wird schwül. Abends bleibt es immer angenehm warm, bis neun Uhr kann man im T-Shirt durch die Strassen schlendern. Nachts läuft die Fussbodenheizung im Haus, aber nicht mehr so heiss. Im Museum ist auf dem unbeleuchteten Teil eines grossen Gefässes (klassifiziert als nationaler Schatz Nr. 195) eine deftige Szene zu sehen: Ein hunderprozentiger pornografischer Vorgang, sehr anschaulich in Ton modelliert, vielleicht "sogar" mit einem Beispiel schwuler Liebe. Unter den weit über tausend Jahre alten Gegenständen, die man vor Jahren aus dem Teich im ehemaligen königlichen Lustgarten geborgen hat, fand man einige sehr originalgetreu geschnitzte Phalli aus Holz. So ganz glaube ich nicht an schamanistische Idole, wie das Museum wissenschaftlich-prüde erklären will. Schliesslich war der Fundort ein Bankettgarten und das Shilla-Reich schon zweihundert Jahre buddhistisch. So echt und "brauchbar", wie die Gegenstände aussehen, waren sie möglicherweise auch Spielzeug während der lustvolleren Vergnügungen im Garten. Von den Gärten sind selbst heute noch Reste übrig, sie müssen einmal zu den schönsten Anlagen Ostasiens gezählt haben. Trinkspiele, bei denen der Reiswein in Strömen geflossen sein muss, gehörten zu den überlieferten Vergnügungen der Könige. Und nicht nur Könige: Shilla hatte auch drei Königinnen. Die erste war in ganz Asien als weise Frau berühmt und liess den ersten bekannten Observatoriumsturm zur Sternbeobachtung (der heute noch vollständig erhalten ist) errichten, zu einer Zeit als in Europa das römische Reich in den letzten Zügen lag. Eine der späteren Königinnen wurde durch ihre zügellosen Ausschweifungen und den moralischen Niedergang des Reiches bekannt. Draussen setze ich mich in den warmen Wind und lese noch etwas. Die Schulkinder vor dem Museum kommen aus der ganzen Umgebung und sind in bester Fotografierlaune. Das Objekt bin ich. Sie knipsen mich alleine von allen Seiten sowie mit ihnen zusammen, schrecklich. Oh, lasst mich doch wenigstens einmal in Ruhe. Ständig Aufmerksamkeit zu erregen, ist auf Dauer eine schwere Last. Ein paar schüchterne Mädchen kommen auf einen ganz neuen Trick: Eine steht wie zufällig zehn Meter vor mir herum, die anderen laufen aus zwei Richtungen hinter mir zusammen. Dann drehen sie die Köpfe, -klick- ein Foto mit dem Ausländer, ohne dass er es merkt. Natürlich bemerke ich es, es ist so lustig, dass ich lachen muss. Die Schulkinder lachen mit, sobald sie merken, dass ich kein Monster aus einem amerikanischen Fernsehkrimi bin, fassen sie mehr Vertrauen. Vor dem Museum hängt auch die berühmte Emille-Glocke, eine der schönsten und grössten Bronzeglocken Asiens. Seit etwa 1500 Jahren klingt sie angeblich so laut und rein wie am Tag ihrer Fertigstellung. Mit der Glocke verbunden ist eine typisch koreanische, herzzerreissende Geschichte: Als der Guss nicht gelingen wollte, opferte ein Priester aufgrund einer Traumvision ein kleines Mädchen. Er warf das Kind in das glühendheisse, geschmolzene Metall. Der folgende Guss gelang, aber die Glocke klang beim ersten Anschlagen nach "Emille, Emille", das heisst "Mutter, Mutter" im damaligen Dialekt das Kind rief nach der Mutter. Eine neuzeitliche Analyse des Glockenmaterials beweist angeblich das Vorhandensein eines menschlichen Opfers. Im Museum wird nicht versäumt, auf eine andere, noch grössere Glocke hinzuweisen, die aber von Japanern während der Invasion im 16. Jahrhundert gestohlen wurde. Ein Sturm versenkte das japanische Schiff, die schwere Glocke versank im Meer. In jüngster Zeit versuchte man erfolglos, sie mit moderner Technik zu suchen. Von der alten Kultur ist wirklich noch viel vorhanden, die ganze Stadt ist umgeben und durchdrungen von Relikten aus der Zeit ab etwa 200 n. Chr. Es ist auch einiges zu sehen, das beweist, dass die späteren Herren der Stadt nach dem Untergang des Königreichs keine Kostverächter waren, z. B. ein Keller zur Lagerung von Eis im Sommer. Man benötigte es wohl als Eiswürfel im herrschaftlichen Cocktail während der Bankette. Hier wohne ich in Hanjin, einer der wenigen guten Übernachtungstips im Reiseführer. Es ist schon lange kein Geheimtip mehr, da es das Yogwan seit 15 Jahren gibt. Es ist für koreanische Verhältnisse sehr sauber, wie erwartet nicht billig, hat aber eine heisse Dusche, die den ganzen Tag über funktioniert. Der Besitzer, Herr Kwon, ist ein ziemlich patenter Mann, er kennt sich in einer ganzen Reihe klassischer Künste aus und verbindet das mit einer gewissen Geschäftstüchtigkeit. Seine Englischkenntnisse und sein Wissen um die Nöte der ausländischen Gäste machen ihn zur Adresse Nr. 1 der gelegentlichen ausländischen Besucher hier. Innerkoreanische Touristen kommen zwar auch zu Hunderttausenden mit dem Auto oder als Gruppenreisende per Bus nach Kyongju, doch sie fahren in die Ferienstadt am Pomun-Stausee weit ausserhalb der eigentlichen Stadt. Dort stehen mindestens fünfzig Hotelhochhäuser in einer künstlichen Urlaubslandschaft. Die meisten besuchen nur wenige Highlights in der Umgebung und tauchen im Stadtbild oder in der Landschaft nicht auf. In und um Kyongju befinden sich auch die grössten und schönstgelegenen Hügelgräber der alten Königinnen und Könige. Die Orte für Gräber sind allesamt nach geomantischen Gesichtspunkten ausgewählt, das heisst sie stehen in besonderer Beziehung zu den Kräften der Natur und Mystik. Man spürt das auch bei den meisten Gräbern. Sie sind auf eine besondere Weise in die Landschaft eingebettet, ohne dass man genau sagen kann, nach welchen Regeln. Die sanft geschwungenen Formen strahlen fast eine gewisse Erotik aus, so als würden sie das Leben selbst verkörpern wollen.
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