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1995 1997
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Teil 522. Mai. Seit über einem Monat bin ich nun in Korea. Während der letzten Tage habe ich einen der berühmtesten Tempel Koreas besucht, den Pulguk-Sa, einige Parks, viele Hügelgräber, Statuen, Pagoden, Buddhas und vieles mehr. Allein in Kyongju könnte man mehrere Wochen verbringen, immerhin war es fast tausend Jahre lang Hauptstadt eines hochstehenden Königreichs und bietet deshalb einen unerschöpflichen kulturellen Reichtum.Vor einem entlegenen, aber wunderschön gelegenen Hügelgrab eines Shilla-Königs des 7. Jahrhunderts stehen ausser den Reliefs der Tierkreiszeichen noch einige Statuen, darunter zwei persische Wachsoldaten mit dichten Bärten und grimmigem Aussehen. Auf dem Vorplatz halten ein paar Autos, eine gut gekleidete Frau winkt mich herüber. Ein Tisch wird aufgestellt, Stühle, sie laden mich zum Essen ein. Die Leute sind Mitarbeiter des Hilton-Hotels einer Feriensiedlung und bereiten das Mittagessen für eine koreanische Gästegruppe vor, die auch die Grabanlage besichtigen will. Da sie angeblich sowieso zu viel dabeihaben, setzen sie mich ganz zwanglos an den Tisch, damit der verlorene Ausländer mal ein gutes koreanisches Mittagessen bekommt. Wir führen ein interessantes Gespräch, die Hotelleute sprechen alle gut Englisch, ein seltenes Glück. Mit dem Bus in Kyongju herumzukommen ist nicht gerade einfach oder effektiv. Jede Busfahrt wird schnell zum Tagesausflug, sofern man den richtigen Bus überhaupt findet. Ist man zu Fuss unterwegs, läuft man ebenfalls oft in die Irre, genaue Karten gibt es nicht. Sich ein teures Fahrrad im Verleih zu holen, ist bei den Verkehrsverhältnissen auf Landstrassen eine moderne Art, Selbstmord zu begehen. Bei warmem Wetter und strahlendblauem Himmel mache heute ich eine Wandertour auf den Nam-San. Es ist absolut fantastisch, bislang mein persönlicher Höhepunkt der Reise. Ein Mönch singt und läutet die Holzglocke in seiner hoch oben gelegenen Einsiedelei. Glasklares Wasser wilder Bäche plätschert über Felsen, der Duft der Pinien und Frühlingsblüten durchzieht den Wald. Eichhörnchen hüpfen überall herum, ein lauer Wind streicht den Berg herauf, oben geht der Blick über viele Kilometer ins Land hinein auf andere Berge, die sich allmählich im Blau des Himmels verlieren. Viele Granitfelsen ragen aus dem Berg. Es ist ein Anblick und ein Gefühl zum Weinen vor Schönheit. Es ist alles so unwirklich bilderbuchartig, überirdisch, herrlich schön. Überall im Gebiet sind versteckte Relikte aus der Shilla-Zeit zu finden: Hügelgräber, Einsiedeleien, Buddhas in den Fels gekratzt oder gehauen und einige einzigartige Pagoden. Die negativen Seiten sind die gelegentlich herumkreischenden Wanderer (eine grässliche Sitte!). Man ruft in die Landschaft, andere brüllen zurück. Auch der Lärm des weitentfernten, aber doch hörbaren Expressway verlässt mich erst tief im Gebirgszug. Für mich treffen da zwei wichtige Probleme Koreas aufeinander: Der Autoverkehr, dem alles geopfert wird und die Leute, die noch nicht gemerkt haben, was sie verloren haben oder verlieren, die momentan noch stolz sind auf ihre neuen industriellen Errungenschaften. Korea ist kein Land der unendlichen oder grossen natürlichen Ressourcen oder der Stille. Mit beidem wird sehr, sehr sorglos umgegangen. Man erfreut sich gerade am neugewonnenen Wohlstand. Die schlechte Zeit ist eben noch nicht lang vorbei. Unter der Bevölkerung findet noch keine Gegenreaktion statt. Noch weiter südlich hört auch das Gerufe auf, die totale Wildnis beginnt. Die Pfade verschwinden im undurchdringlichen, hohen Bambus, schmale Fusswege werden immer schmaler, es gibt wie überall keine Karte, nichts. Prompt habe ich nach einem einsamen Bergsee mit grünblauem Wasser und rotem Sandstrand den falschen Weg eingeschlagen und musste in der glühenden Sonne lange weiterwandern, um später auf der "falschen" Seite des Gebirgszugs abzusteigen. Bis zum nächsten grösseren Ort kann ich noch gehen, dann bin ich ziemlich am Ende zum Glück fährt ein Bus Richtung Kyongju. Dafür esse ich abends eine Art leckeren Pfannkuchen mit Farnsprossen (in stäbchengerechte Stücke geschnitten) mit höllenscharfer Knoblauch-Paprika-Sesam-Sosse, dazu Kimchi. An Kimchi habe ich mich schnell gewöhnt und wundere mich, wieso so etwas leckeres international noch nicht bekannter ist. Kimchi ist milchsauer eingelegtes scharfes Gemüse, oft Chinakohl, es wird zu jeder Mahlzeit serviert (auch zum Frühstück) und kennt tausenderlei Erscheinungsformen und Würzvarianten, die eines gemeinsam haben: Sie schmecken alle fantastisch. 23. Mai. Heute habe ich wieder viel gesehen, ich bin per Bus und zu Fuss in glühender Sonne (mein Sonnenbrand ist leider ganz schön kräftig) erst zu einigen abgelegenen Felsenbuddhas vorgedrungen, dann zum schönen Kirin-Sa-Tempel weitergewandert. Der Bus fährt nur zweimal täglich. Da es keine Karten gibt, kritzle ich "Kirin-Sa" in koreanischen Schriftzeichen auf ein Stück Papier, um es dem Busfahrer zu zeigen. Nach einer Stunde Fahrt über die Berge setzt mich der Fahrer am Strassenrand mitten in der Landschaft ab. Er winkt noch mit der Hand in Richtung eines Tals, die Tür schliesst sich, der Bus fährt davon und ich stehe mutterseelenallein am Strassenrand. Nur noch der Wind rauscht durch den Wald, ich marschiere unter blauem Himmel in das wunderschöne Bergtal los. Etwas anderes bleibt mir auch gar nicht übrig. Zu Fuss gehe ich kilometerweit durch das lange, fast unbesiedelte Tal, in dem nur Reisfelder liegen. Nach einiger Zeit treffe ich auf ein paar Bauern, die auf den Feldern arbeiten. Sie winken mich gleich heran. Die Bauern freuen sich über die Abwechslung, sie machen aus dem Feldweg kurzerhand einen Picknickplatz. Wir trinken Soju aus Wassergläsern, den beliebten scharfen Reisschnaps. Zum Schnaps werden hauptsächlich getrocknete Tintenfische gegessen, köstlich! Sie geben mir noch etwas auf den Weg mit, auf der weiteren Strecke zu den buddhistischen Kulturschätzen geht es sich nun schon viel leichter. Die Buddhareliefs stehen in einem kleinen Seitental, das letzte Stück des Pfades führt über Leitern und Stufen zu den Felsen hinauf. Eine Wegstunde später überrascht mich der ruhige Kirin-Sa-Tempel mit aussergewöhnlich schön renovierten Gebäuden. Die Anlage liegt wie die meisten koreanischen Tempel abseits von Stadt und politischer Macht an einer besonders reizvollen Stelle weit ausserhalb. Um von hier aus ans Meer zu gelangen, benötige ich ein schnelleres Verkehrsmittel als die eigenen Füsse, ich versuche per Anhalter weiterzukommen. Kaum ein Auto fährt vorbei, doch schliesslich nimmt mich ein älteres Paar bis kurz vor den Daebon-Strand mit. Gleich dahinter im Meer liegt eine kleine Felseninsel, das Unterwassergrab des berühmten Königs Mun-Mu (552 n. Chr.). Mun-Mu machte Shilla zu einem grossen und bedeutenden Staat, indem er die drei koreanischen Königreiche militärisch und durch trickreiche Bündnispolitik einigte. Er verfügte, nach seinem Tod seine Asche in einem Steinsarg im Ostmeer zu bestatten, um als Seedrache verwandelt die koreanische Küste vor japanischen Piraten beschützen zu können. Abends habe ich Pibimbap (Reis mit allerlei Gemüsen, einem rohen Ei und Kimchi) auf dem Markt gegessen, dann mit einem Neffen vom Yogwan-Besitzer Kwon eine Spritztour zu einer heiligen Schildkrötenfigur in einem Gräberfeld gemacht. Anschliessend sind wir mit seiner Frau in ein Restaurant zum zweitenmal Essen gegangen. Es hat sich gelohnt, noch einen Extra-Tag in dieser schönen Gegend zu bleiben. Die Leute nehmen mich alle so wichtig, ich bin richtig prominent. Abgesehen von dem unguten Gefühl, dauernd im Mittelpunkt zu sitzen, ist da ein noch viel unguteres Gefühl, nämlich in diesem Moment achtzig Millionen Deutsche zu repräsentieren. All die Hilfsbereitschaft, die Einladungen, sie spiegeln echtes Interesse und Gastfreundschaft, sie sind nicht nur Schema oder Regel, die man aus blosser Tradition befolgt. Vielleicht spielt auch die koreanische Vergangenheit eine Rolle. Korea hat seine jahrtausendealte kulturelle und politische Selbständigkeit bis auf wenige Ausnahmen vor allem dadurch erlangt, dass man mit allen machtlüsternen Fremden freundschaftliche Verträge schloss und sie früher oder später durch die eigene Zähigkeit einfach überlebte. Fremde schnell zu Freunden zu machen, war Überlebensstrategie. Die Ausnahme waren die japanischen Kolonialisierungsversuche, die von Korea mit der gleichen Zähigkeit und mit übermenschlichem Einsatz erfolgreich bekämpft wurden. Vor meiner Abreise in die Hafenstadt Pusan gibt mir ein Koreaner Reiseverpflegung mit. Er kam fast jeden Abend ins Yogwan, um sich mit mir zu unterhalten. Er war sehr interessiert an der Welt ausserhalb Koreas. Wir sprachen über eine Vielzahl von Themen, er war eine unschätzbare Quelle für koreanisches Gedankengut. Von ihm habe ich unzählige Dinge erfahren, die man als Tourist oder Aussenstehender nicht bemerkt. 24./25. Mai. In Pusan ich fühle mich schmutzig und bin es auch. Es gibt keine Dusche mehr, unglücklicherweise kommt man bei der unangenehmen feuchtwarmen Witterung schnell ins Schwitzen. Hafenstädte sind mir oft zu feucht. Pusan ist ansonsten recht freundlich, erstaunlich international und mit verhältnismässig guten englischen Informationen ausgestattet. Hier trifft sich Ost und West, der Kreis schliesst sich: Jede Menge Russen flanieren durch die Stadt, semiprofessionelle Händler aus den Schiffen, die im Hafen vor Anker liegen. Sie tun vor allem drei Dinge: Kaufen, kaufen, kaufen. Sie decken sich hauptsächlich mit Waren westlichen Designs ein, hergestellt in Korea. Die russischen Seeleute halten mich für einen Landsmann und sprechen mich dauernd an. Wie lustig, sonst werde ich immer von Koreanern angesprochen. Als ich in einem kleinen Laden einiges an Chaledon-Keramik gekauft habe, hat mir die Verkäuferin noch einen hübschen Becher geschenkt, wir haben uns gut unterhalten (nicht, dass die Preise so hoch gewesen wären, dass man zu solchen Konzessionen üblicherweise bereit ist). Einer ihrer Söhne lebt in Deutschland. Pusan ist trotz der russischen Besucher und des internationalen Flairs doch urkoreanisch. Im koreanischen MacDonalds werden auch City-Piepser (Pager) verkauft, die jedes Schulkind benutzt. Die unterirdischen Einkaufspassagen ziehen sich über viele Kilometer unter den Strassen hin. Russen, die zum ersten Mal hier sind, müssen ganz schön staunen, wenn sie den Entwicklungsstand Koreas sehen. Zu Hause in den Städten an der eigenen Pazifikküste herrscht nur Niedergang. Seltsam, dass die Leute hier nichts gegen sie haben, waren sie doch für die Teilung nach dem zweiten Weltkrieg mitverantwortlich, und eine offizielle Entschuldigung, wie von Japan ständig gefordert, gab es nie. Tja, die Zeiten ändern sich eben und der Kunde ist überall König. Irgendwie ist es jetzt an der Zeit, das Land zu verlassen. Die letzte Woche war in allem ein Höhepunkt. Schöner wird es nicht mehr. Gewiss könnte man hier noch viel erleben, aber ich will jetzt weiter nach Japan und kaufe die Fahrkarte für die Schiffspassage. Um 16:00 Uhr ist boarding time nach Shimonoseki. Etwas melancholisch geniesse ich vom windigen Oberdeck aus den Sonnenuntergang über der bergigen Millionenstadt Pusan. Ob ich je nach Korea zurückkomme? Die Fähre ist ein alter Kübel, halbwegs seetauglich. Dagegen ist das Bad mit den Duschen im Schiff eine Erholung für mich. Schiffe und Schiffsreisen gefallen mir einfach. Es sind nicht viele Leute an Bord, hauptsächlich Koreaner. Ein alter, trauriger Japaner, der eben in den Ruhestand getreten ist und nicht weiss, was er mit seiner vielen Zeit anfangen soll, unterhält sich mit mir in gutem Englisch. Da hat er nun plötzlich Zeit und Geld und stellt fest, dass Korea nach saurem Kimchi und scharfem Knoblauch stinkt und die teuren Hotels auch nicht besser als in Japan sind mir tut er richtig leid. Isoliert auf der reichen Insel, auf die er langsam zurückfährt, obwohl er sich das Flugzeug leicht leisten könnte. Als die drei Hochschornsteine der Stahlstadt Kokura auf Kyushu frühmorgens auftauchen, taut er auf, rasselt Produktionszahlen, Techniken, Weltmarktsituation etc. herunter. Vierzig Jahre Arbeitsleben für Stahlwerke liegen hinter ihm, er würde am liebsten weiterarbeiten.
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