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1995 1997
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Teil 626. Mai. Morgens findet die Einreise nach Japan/Shimonoseki statt, anschliessend muss der übliche Verwaltungsmüll erledigt werden: Geld tauschen, Telefonkarte kaufen, Zugverbindungen evaluieren, in der Jugendherberge nach einem freien Platz fragen, Informationsschalter, allgemeine Orientierung und etwas zu essen besorgen. Auf den ersten Blick wirkt Japan nach Korea nur ein bisschen sauberer, auf den zweiten Blick herrscht ein riesiger Unterschied. Irgendwie sind die Japaner wie Kinder, sie tapsen wie Kinder herum, offizielle Warnungen, Hinweise und Vorschriften sehen aus wie Bildergeschichten für Kinder. Alles ist grausam sauber und funktioniert perfekt. Zu perfekt manchmal, im "Bus-Informationszentrum" habe ich fast einen Lachkrampf erlitten. Es ist ein Hi-Tech-System allererster Güte, bildschirmgeführte Dialoge mit einer zwei Meter hohen Informationstafel, eingearbeitete Lichtsysteme, mit Blindenschrift und sogar wahlweise auf Englisch. Mit kostenlosem Computer-Ausdruck individueller Busrouten, aufwendiger Bedienerführung und bis ins letzte Detail zu Tode gedacht. Dabei gibt es gar nicht so viele Busse im kleinen Shimonoseki, aber man erfährt alles über sie. Einige Zeit habe ich auf angenehme Weise mit einem Japaner zusammen vertrödelt. Er hat die Eingangsprüfungen zur Universität nicht geschafft und schuftet nun in der Nachtschicht im 24-Stunden-Laden der Lawsons-Kette. Er war ganz Japaner: Schüchtern, anhänglich und verlässlich. Ich erzähle ihm, dass ich zum Akama-Jingu-Schrein will, dort taucht er dann später auch lachend auf. Nach Korea wirken viele Japaner nicht mehr in allem sympathisch. Sie beobachten mich heimlich, schaut man sie an, wenden sie den Blick ab, geredet wird selten. Die Jugendherberge ist ebenfalls sauber, perfekt organisiert, es gibt freien Tee/Kaffee, einen sehr freundlichen jungen Chef des Hauses und endlich wieder Ofuro, das japanische Bad. Es ist ein warmer, friedlicher Platz mit schöner Aussicht auf die Kanmon-See-Enge samt der Hängebrücke, die sie überspannt. Vor der Jugendherberge wächst ein richtiges Wäldchen mit japanischen Kirschbäumen. Im Frühling blühen sie wunderschön, jetzt sind schon die ersten Kirschen reif. Ich probiere eine der kleinen Früchte. Sie ist so gallenbitter, dass ich sie sofort wieder ausspucken muss. Im Vergleich zu meinem Aufenthalt vor zwei Jahren gibt es viel mehr Internationales: Lebensmittel, Kleider und Verhaltensweisen. Mehr Leute laufen locker angezogen herum, der Supermarkt hat ein weltweit abgeglichenes Angebot. Eine Menge Waren könnte in Supermärkten irgendwo auf der Welt liegen. Es gibt mehr Milchprodukte, gute Sushirollen zum Mitnehmen (oft besser als das ähnliche Kimbap in Korea), man verwendet jetzt auch echte Milch im Kaffee und hat kräftig dazugelernt, auch zu geniessen. Ein solider, seit langem andauernder Wohlstand überzieht Japan, nur in der Kenntnis der englischen Sprache hechelt man immer noch verzweifelt hinterher. So viele Details sind anders als in Korea: Fantastische Minigärten vor jeder kleinen Hütte, die Sichtbarkeit guten Designs in Konsumprodukten, längere Haare sind gerade Mode, westliches Essen, perfekt komplizierte Organisation überall, noch weniger Englisch als in Korea, langsamer, gezwungener, zombiehafter, viel weniger Feurigkeit, dafür mehr Trotzigkeit im Vergleich zu Korea. Ein tieferer Nationalismus ist zu spüren, ein geradezu zwanghafter Trieb, alles mögliche zu japanisieren und dann als eigene Idee weiterzuentwickeln. Kochzeitschriften sind dafür ein gutes Beispiel, sie sind voll ausländischer Ideen und Tischgebräuche, sind aber alle wie mit einem Dia auf eine japanische Landschaft projiziert. 28. Mai: nach Dazaifu, Hakata. Mit der Nishitetsu-Omuta Privatbahn fahre ich von Hakata nach Dazaifu, vor langer Zeit eine wichtige Stadt auf der südlichen Hauptinsel Kyushu. Heute ist es eine eher abgelegene Kleinstadt mit vielen einzigartigen kulturellen Resten, darunter ein berühmter Schrein und einige Zen-Gärten. Ausserhalb des Stadtkerns ähnelt der Ort einem deutschen Wohngebiet: Totenstille, gepflegteste Gärten, dezenter Reichtum, mehr verborgen als zur Schau gestellt. Ich bleibe einige Tage in der kleinen, einfachen Jugendherberge mit ihren zwei kleinen Tatamizimmern, eines für weibliche Gäste, eines für männliche. Der zweite Tag, ein Sonntag, war wohl der intensivste Tag der Reise. Ab dem frühen Vormittag fand ein mehrstündiges Festival am Kando-Schrein statt, auf halber Höhe eines wichtigen heiligen Berges ausserhalb des Ortes. Der kleine Schrein liegt ziemlich verborgen im Bergwald, die Strasse endet weit unterhalb, so dass alles ein gutes Stück zu Fuss transportiert werden muss. Etwa zweihundert Leute nehmen teil, im Verlauf des Festes nicht mehr nur als Zuschauer. Vor dem Schrein in der Mitte liegt auf einem sandigen Platz ein mit Reisstrohseilen abgesteckter heiliger Bezirk, in den nach einigen Zeremonien etwa zwanzig wild gekleidete Männer einmarschiert sind. Um uns stehen riesige alte Zedern (an bestimmten Punkten gepflanzt, wie mir später klar wurde), vor uns die Hobbypriester in Fellen, mit Schellen, Bändern und Muscheltrompeten! So schamanistisch habe ich Japan noch nie erlebt. Unter hypnotischer Musik (bzw. Krach) zündeten die wilden Männer einen zwei Meter hohen, kunstvoll aufgeschichteten Holzstoss unter Koniferenwedeln an. Es qualmte furchterregend, seltsamerweise trotz leichtem Wind zwischen den Bäumen fast senkrecht in die Höhe. Dennoch verbreitete sich ein ätherischer, dicker Duft, der fast betrunken machte. Immer wieder legte man grüne Wedel obenauf und spritzte etwas Wasser darüber, um die Flammen vor dem Durchschlagen abzuhalten. Darunter entwickelte sich ein Glutofen. Plötzlich ein tiefes Brausen, die Flammen schlugen durch. Statt der Rauchsäule stand eine meterhohe Flammensäule über dem Holzstoss, die ringsum für strahlende Hitze sorgte. Laut wurden die im vergangenen Jahr gesammelten Wunschtäfelchen vorgelesen und den Flammen übergeben. Dann ein weiterer Höhepunkt: Die rote Glut aus Holzkohle wurde auf ungefähr sechs Meter auseinandergezogen, mit Bambusstangen eben geklopft. Nach vielen Beschwörungen entkleidete sich einer der jüngeren Priester teilweise und marschierte wie ein Soldat barfuss von einem Ende zum anderen über das glühende Material. Er stapfte so auf die Glut, dass der Russ staubte. Gleich darauf folgten einzeln die anderen, ohne Ausnahme. Der abgesteckte heilige Bezirk wurde wieder geöffnet, ein Grossteil des Publikums zog die Schuhe aus und reihte sich auf. Mit dabei waren alte Frauen, Kinder, eine Mutter mit einem Neugeborenen unglaublich. Die Priester hatten alles im Blick, sie standen aufgereiht an den Rändern der glühenden Strecke, um sofort einzugreifen, wenn jemand stolperte. Es war eine wirklich einmalige, heisse, qualmende, schwarze Erfahrung. Zwischendurch breitete man wieder neue Glut aus, damit die Feuerstrasse nicht zu sehr abkühlte. Jeder Teilnehmer wurde erst vom Priester gesegnet, bekam einen Schubs als Zeichen für "Strecke frei" und nach bestandener "Feuerprobe" ein Tässchen erstklassigen Sake sowie ein kleines "Zertifikat". Japanisch perfekt organisiert konnte man sich danach mit eiskaltem Bergwasser die geschwärzten Beine kühlen und waschen. Auch ich bin mitmarschiert, wieder die einzige Langnase. Der Priester mit der Sakeflasche füllte mir das Glas im Gegensatz zu den anderen randvoll und lächelte mich vielsagend an. So habe ich jetzt mein Zertifikat über bestandene Tempelprüfungen in der Tasche, ein kleines Blatt aus dickem Papier mit rot flammenden Zeichen eines Spruchs in Sanskrit. Wie es war, durch die Flammen zu laufen? Unbeschreiblich. Eine Erfahrung, die man machen, aber anderen nicht schildern kann. Die Seile aus Reisstroh, die den heiligen Bezirk abgrenzten wurden in Stücke zerschnitten und verteilt. Wer es vor die Tür hängt, weist damit böse Kräfte vom Haus ab. Nachmittags fahre ich noch nach Hakata. Der Kontrast dieser Mega-High-Tech-Metropole zu den Erlebnissen des Vormittags könnte nicht grösser sein. Das pyramidenartige, bis zur hundert Meter hohen Spitze dicht bepflanzte Arco-Gebäude ist ein Schaustück der aufstrebenden japanischen Weltklassearchitekten, durchgestylt bis zu den Putzeimern, trickreich durchdacht, elegant angelegt und teuer gebaut. Ein Unterschied wie er nicht grösser sein kann die gleichen Leute, die das Schreinfest veranstalteten, eilen Wochentags in Anzug und Krawatte durch eine der modernsten Grossstädte Japans. Die Mutter mit Kind, die unter den Augen der Priester durch die qualmende Holzkohle schwankte, kauft am Montag wieder in den klinisch sauberen, blitzenden Supermärkten tiefgekühltes junk food ein. Die westliche Sichtweise macht daraus einen Widerspruch, setzt die technisierte Zivilisation auf die eine Seite und eine romantisierte oder esoterische auf der anderen Seite dagegen. Dadurch können sich beide Welten offensichtlich nicht durchdringen, jede sieht sich im Licht der Wahrheit und damit im Widerspruch zur anderen. Eigene Traditionen werden als "Folklore" aus dem normalen Leben ausgegrenzt. Immerhin gibt es auch in Europa einige wenige kulturelle Reste mit ähnlichem Gefühl im Bauch wie bei einem japanischen Schreinfest, zum Beispiel die alemannische Fastnacht an einigen Orten. Aber die Fernsehteams aus den jeweiligen Landeshauptstädten filmen und interviewen bereits, als würden sie einen Dorftanz vor einem Kral in Zentralafrika aufnehmen. Auf den Lippen immer mit der grinsend-glatten Frage "erklären sie mal dem normalen Menschen, warum sie da rumhüpfen", aber lächerlich amüsiert und distanziert. Wenn Korea ein faszinierendes Abenteuer ist, so ist Japan ein interessanter Wahnsinn so kommt es mir heute jedenfalls vor. 31. Mai. Einen Tag lang fahre ich fast 1300 Kilometer nach Tokyo zu einem Freund, der im Stadtteil Ogikubo/Suginami-ku wohnt. Trotz der langen Reise reicht die Zeit noch, um etwas in Tokyo umherzuschlendern. In seiner ansonsten netten Wohnung bekomme ich dummerweise Asthma, das feuchtwarme Klima gefällt auch den Hausstaubmilben, auf die ich ziemlich allergisch bin. Um abends freier atmen zu können, wandere ich regelmässig eine Stunde vor Mitternacht durch das stille Wohnviertel. Suginami ist ein idealer Ausgangspunkt, um mit der Eisenbahn Tagesausflüge in Mitteljapan zu unternehmen. An den folgenden Tagen fahre ich nach Kyoto zum Ryoan-ji Steingarten und den ranghöchsten Schreinen Japans in Ise. Hier läuft alles so reibungslos. Es funktioniert, Reisen und Fortkommen ist geradezu simpel im Vergleich zum Rest der Welt, vor allem zu Korea. Japan tickt sekundengenau, alles ist aufwendig organisiert, bleibt aber irgendwie begreifbar. Der Zen-Garten Ryoan-ji in Kyoto ist fantastisch, ebenso die beiden Ise-Schreine. In Wirklichkeit sind um Ise unzählige Schreine gebaut, wichtigere und weniger wichtige. Die Hauptschreine stehen einige Kilometer auseinander, werden als Symbol der sich immer wieder erneuernden Natur alle zwanzig Jahre exakt gleich wiederaufgebaut. Die Balken der alten Schreine werden neu zugeschnitten und wandern als Baumaterial an andere, weniger wichtige Shinto-Schreine in ganz Japan. Das gesamte Bauholz für die Gebäude in Ise kommt aus dem dichten, tiefen Zedernwald, der um die Schreine herum wächst und den niemand betreten darf. Um zum Hauptschrein zu gelangen, muss der Pilger oder Besucher erst noch lange und verwinkelte Wege durch den tiefen, märchenartigen Wald wandern. Es gibt nur eine Handvoll Handwerker in Japan, die die Technik beherrschen, die Schreine neu zu bauen. Optisch wirken sie wie Bauwerke der pazifischen Südsee. Nach der Zeremonie in Dazaifu vor ein paar Tagen habe ich ein ganz anderes Verhältnis zum Shintoismus. Zur geistigen Welt des Shinto wäre noch viel zu sagen, aber ohne sich von europäischer Denkart zu lösen, könnte man nichts in einfache Worte fassen. 1. Juni. Jeden Tag gibt es in Japan ein Erlebnis, das einen mit offenem Mund staunen lässt. Heute ist es eine Jugendherberge. Sich in Sendai fortzubewegen war wie so oft ein gleitendes, reibungsloses Erlebnis ich besuchte den Hachiman-Osaki-Jingu Schrein (Hachiman ist ein Kriegsgott) mit seinen schwarz lackierten Balken, dann musste ich mit der Vorortbahn zur Jugendherberge ausserhalb der Stadt fahren und nochmal zwanzig Minuten durch locker bebautes Gebiet wandern. Schon vorher erstaunte mich Sendai durch riesige unterirdische Fahrradparkhäuser und Treppenaufgänge mit Blindenschrift am Geländer. Wie überall in Japan herrscht der Eindruck von weit vorangetriebenem Fortschritt. Die Jugendherberge setzt dem ganzen die Krone auf, sie ist ziemlich sicher die beste Jugendherberge der Welt. Sie ist aus schwarzem gebeizten Holz gebaut, viele Balken liegen frei, sie scheinen ohne Eisen miteinander verzahnt zu sein, die Wände sind weiss gekalkt. Schon im Eingangsraum schwingt dezente klassische Musik aus verborgenen Lautsprechern, die Zimmer sind Viereinhalb-Tatami-Räume im klassischen Stil, ein niedriges Lacktischchen, keine weiteren Möbel. Auf dem Tischchen liegt die Fernsteuerung für die Klimaanlage, ein kopiertes Fernsehprogramm, auf dem die Sendungen mit englischem Tonkanal mit Leuchtstift angestrichen sind. Das Bad ist in Naturholz gehalten, Luftsprudler massieren den müden Rücken. Die Toiletten sind natürlich High-Tech-Geräte mit eingebautem Bidet, wenn ich herausbekommen hätte, was die Knöpfe und Anzeigen bedeuten, hätte ich sie vermutlich noch mehr zu schätzen gewusst. Das ganze Gebäude ist absolut sauber, wirkt bis zur letzten Schraube durchdacht. Hier findet auf geniale Weise eine Synthese aus westlichen und japanischen Elementen statt, wobei die japanische scheinbare Mühelosigkeit und Einfachheit vorherrscht. Unter der Oberfläche erlebt man ultimativen Luxus und überraschenden Komfort. Von allem kann man viel, viel lernen, besonders in dieser Jugendherberge. Da kann man auch verschmerzen, dass der Shinkansen-Schnellzug heute 15 Sekunden Verspätung hatte.
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