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1995 1997
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Teil 811. Juni. Am letzten Gültigkeitstag meines Japan-Rail-Passes fahre ich über tausend Kilometer (davon 732 mit einem superschnellen Hikari), ich habe das Ticket wirklich genutzt. Es ist herrliches Wetter, wie in den schönsten Monaten in Kalifornien: 20 bis 26 C, leichter Wind und der typische tiefblaue Tropenhimmel. Zuerst steige ich in den Zug nach Takamatsu, einer Stadt auf der kleinsten der vier Hauptinseln, Shikoku. Das schöne Wetter passt gut zur Stimmung, hier wachsen schon Palmen, Loquats, Khakis und Zitrusfrüchte. Über die Ohashi-Seto-Hängebrücke von Honshu nach Shikoku zu fahren, war ein mitreissendes Erlebnis. Unvermittelt rollt der Zug langsam auf die hohe Brücke. Bei klarer Sicht und strahlender Sonne sieht man weit zu den tausend Inseln der Inlandsee (das Meer zwischen Shikoku und Honshu) im blaugrünen, schimmernden Wasser, darüber der Zug auf der eleganten Hängebrücke, die sich von Inselchen zu Inselchen in sanften Kurven stelzt ein japanischer Traum in Wasser, Luft, Stein und Eleganz. Takamatsu, Sonntag Nachmittag: Alt und Jung flaniert ein bisschen, alle Geschäfte sind offen, die Frisöre haben Hochbetrieb, man lacht (bzw. lächelt) und geniesst die Freizeit am meisten die Schüler. Der Ritsurin-Garten in Takamatsu erschien fast noch schöner als der in Okayama, beide sind stilistisch ähnliche Landschaftsgärten. Mitten im Garten auf einer Wiese hat mich eine Familie von hier ganz ungezwungen eingeladen, mit ihnen zusammen zu sitzen. Sie servierten mir den grünen Pulvertee Matcha, Loquats aus dem eigenen Garten und sie zeigten mir Fotos ihres Hauses und der Familie. Nach Landessitte mussten sie mich bei dieser Gelegenheit auch von allen Seiten fotografieren, was mir diesmal sehr peinlich war, denn kurz zuvor war mir meine altersschwache Jeans aus dem Leim gegangen. Später werden sie mir Abzüge nach Deutschland schicken. Alleinreisende treffen wirklich mehr Leute, werden auch öfter angesprochen. Um noch nach Tokyo zurückzukommen, muss ich mich ganz schön beeilen. Trotzdem bleibt noch genug Zeit, in Shin-Osaka den Zug zu wechseln, raus aus einem alten Kodama (die langsamsten Züge der Superexpress-Klasse, eine Zuggarnitur aus den sechziger Jahren) und rein in einen neueren und bequemeren Hikari. Im alten Zug war nur im Raucherabteil etwas frei, sonntags sind die Züge voller als wochentags. Die Fahrgäste sind vor allem ziemlich machohaft aussehende Männer. In Himeji rast ein Nozomi mit dreihundert Kilometer/Stunde am stehenden Zug vorbei, wie eine Riesenfaust, die den Hikari streift und dabei fast umwirft. 13. Juni. Die letzten paar Tage verbringe ich in Tokyo bei einem Freund. Tokyo kann leicht gesichtslos und langweilig wirken, vor allem wenn man kein Geld hat und innerhalb der leicht erreichbaren Stadtteile bleibt. Allein schon das Gefühl, das einem in dieser gigantischen Stadt vermittelt wird, ist etwas Besonderes. Dauernd knattern Hubschrauber über den Häusern, Eisenbahnzüge rattern über die vielen Linien, es hallt durch die endlosen Häuserschluchten. Der besiedelte Raum zieht sich von hier aus hunderte von Kilometern bis südlich von Kobe hin. Die Kansai-Region ist das grösste Stadtband der Erde. Tokyo ist fast zu gross um effektiv zu sein, es ist anders als der Rest von Japan. Man bewegt sich wie in einer zähen Masse, je schneller desto mühsamer. Sapporo war von Grund auf geplant, auch heute sorgen die Stadtplaner für eine entzerrte, effektive City, aber Tokyo ist ein Gebilde wie im Film "Blade Runner": Ein gebrochendimensionales fraktales Bild, von aussen chaotisch, je mehr man den Blick vergrössert, desto mehr unterschiedliche Ordnungen mit eigenen Gesetzmässigkeiten tauchen auf. Ein Beispiel dafür sind die Häuserzeilen an Durchgangsstrassen. Die Gebäude direkt an der Strasse sind fast immer mehrstöckige kommerzielle Häuser. Restaurants, Läden, Clubs befinden sich nicht nur auf Strassenebene, sondern auch im Untergeschoss und den ersten Obergeschossen. Darüber liegen Büroräume oder teure Wohnungen. Alles wirkt sehr grossstädtisch, auf den breiten Gehsteigen drängen sich zu jeder Tageszeit viele Menschen. Aus den Ausgängen der U-Bahn-Schächte strömen Menschen wie Flutwellen nach einem Dammbruch. Hinter dieser Welt, "in der zweiten Reihe" liegen oft kleinere, familiengeführte Handwerksbetriebe, Tante-Emma-Läden, niedrigere Häuser. Noch weiter hinten verändert sich das quirlige Bild einer Millionenstadt vollständig zu dem eines beschaulichen, dörflichen Wohngebiets. Kinder spielen auf der Strasse, die kleinen Häuser haben winzige wohlgepflegte Gärten, es gibt nur schmale Strassen und keinen Gehweg, Blumenkübel stehen vor den Häusern. Morgens putzen die Hausfrauen das Stück Strässchen vor dem Haus, Futons werden gelüftet, es ist still. Auch die Landschaft ändert sich, statt der eben planierten Hauptstrasse wellt sich der Untergrund sanft, die Häuschen liegen locker und dicht auf dem Land wie gefallene Herbstblätter auf dem Waldboden. Keine fünfzig Meter weiter findet wieder das Tokyo statt, das man aus den Massenmedien kennt. Jede Welt geht fliessend ineinander über, besitzt aber ihre eigenen Gesetze. Die gesamte Region ist als Mikro- und Makrokosmos vernetzt, es gibt keine Trennung in "Innenstadt" und "Aussenbezirke" im westlichen Sinn, es gibt höchstens Zonen ähnlichen Charakters. Die verschiedenen Elemente der Stadt funktionieren nicht nebeneinander, sondern ineinander, vergleichbar mit den lebenden Zellen eines Gewebestücks. Einen Regentag verbringe ich in den Museen am Ueno-Park. Das Nationalmuseum ist auf vielerlei Ebenen interessant. Architektonisch besteht es aus drei Gebäuden, die im Abstand von genau dreissig Jahren erbaut wurden, und damit aus drei typischen Perioden stammen: 1907 ein relativ kleines, nett kopiertes, fast verspieltes Neobarockgebäude mit lächerlich hohen Türen. So hat man damals architektonisch die Eindrücke verarbeitet, die die europäischen klassischen Gebäude auf Japaner vermittelt haben. Noch bedient man sich fremder Stilmittel, ohne sie zu verstehen, will einfach nur modern sein und mitmachen können. 1937 Der grösste Bau, schwer und imperialistisch. Innen sind hohe Hallen, die düster, sakral und sehr museal wirken, mit leerer Ornamentik verziert sind das Gebäude nimmt die Sackgasse und den Untergang von 1945 deutlich vorweg, zeigt, auf welchem Weg das Kaiserreich Japan mit seinem handfesten Grossmachtanspruch wandelte. Ein ganz ähnliches Gebäude wurde in Seoul als Sitz der japanischen Kolonialverwaltung des unterworfenen Korea errichtet, die Deckengemälde zeigen die segensreichen Gaben, die Japan über Asien ausschüttet. So weit wie mit diesem Baustil hat sich Japan noch nie von seinen eigenen Wurzeln entfernt. 1967 Dieses Gebäude mit Flachdach ist verwirrend verschachtelt, macht Anleihen aus verschiedenen Epochen, die Details sind sorgfältig gestaltet, es ist effektiv, postindustriell. Im Rückgriff öffnen sich die Formen wieder alten Ideen vom japanischen Hausbau. 2007 - Hyperflexible künstliche Bambusröhren, um die ein kraftfeldverstärktes Netz aus transparenten Suprafasern gewoben ist, dazwischen reflexfreie Solarelemente? Es würde mich weit weniger wundern als manch anderes, das heute schon Standard ist. Inhaltlich gibt es in diesem Museum viel aus Korea und China zu sehen, wenig aus Japan, so sehr man sich auch anstrengt, Eigenständiges zu zeigen. Die grosse Leitung besteht eher darin, ausländische Ideen zum Teil grossartig zu veredeln und zu japansieren. Die gern vorgetragene Theorie vom eigenen Weg, der ganz eigenen Kulturvariante des isolierten Inselstaats, ist angesichts der Ausstellungsgegenstände kaum haltbar. Es gibt sogar einen Raum, der den Ainu gewidmet ist, im "Herz" des alten Gebäudes. Die Ainu sind die Ureinwohner Hokkaidos und Tohukus, verbunden mit dem Kulturkreis sibirischer Stämme. In den vergangenen Jahrhunderten wurden sie langsam aber sicher in die Minderzahl gebracht und schliesslich ausgerottet oder kulturell assimiliert. Auf mich wirkt der Museumsraum traurig-ironisch mit seinen vielen, vielen ausgestellten Pfeifen und dem Rauchzeug. Man kann sich der Analogie nicht erwehren, die Ainu-Kultur sei verheizt worden und in Rauch aufgegangen. Hier befinden sich keine englischen Erklärungen mehr und wenig japanische Tafeln. Die japanischen Zeichnungen der Ainu zeigen wilde, bärtige, tanzende Barbaren, fast verachtend und folkloristisch-distanziert. 14. Juni. Tokyo, der erschöpfende Wahnsinn. Heute habe ich mich, von den Menschenmassen gelenkt, durch diesen Wahnsinn treiben lassen, durch Spielhallen, Showrooms (Toyota, Pentax), zig Kaufhäuser, der geschäftigsten und kompliziertesten Station der Welt (Shinjuku), Türme und mehr von dem, was diese Stadt in einzigartiger Weise zu bieten hat. In den Kaufhäusern gibt es einfach alles vom Haifischgebiss über die Teekanne mit Magnet im Deckel, damit er nicht herunterrutscht, bis zum Bestattungsinstitut oder dem Stockwerk, in dem die private Eisenbahnlinie der Kaufhausfirma endet. Fünfzig Gramm Grüntee werden mir in Papiertüte, Plastiktüte (damit die Papiertüte nicht nass wird, weil es regnet) samt Klebeband zum Verschluss der Plastiktüte sowie eigentlicher Verpackung und Geschenkpapier eingepackt. Ich sitze im 51. Stock des Sumitomo-Hochauses, unter mir die wabernden Nebel und der Doppelwolkenkratzer der Stadtverwaltung. Was ich morgen mache und ob man nach zwei Tagen, die man in japanischen Kaufhäusern zubringt, geistig gesund bleiben kann, weiss ich noch nicht. 15. Juni. Ausprobieren ist alles, noch ein Tag in den Kaufhäusern, heute im Isetan/Shinjuku, meinem persönlichen Favoriten. Über dem 9. Stock liegt ein ruhiger Dachgarten, nebenan werden Fische, Haustiere, Gartenpflanzen (u. a. eine komplette Sammlung fleischfressender Pflanzen) angeboten. Versteckt in einem abseits liegenden japanischen Garten steht ein kleiner Shinto-Schrein (!), komplett mit künstlichem Bach und Karpfen, sowie ein Steingärtchen mit Bronzebüste des Kaufhausgründers. Dazu ein Golfübungsplatz, Fischbecken zum Selbstfang, Bänke, Automaten mit Getränken und Snacks, alles vor der Kulisse der Hochhäuser von Shinjuku. Mein Tee wird wieder etwa zehnmal eingepackt, ich durfte mir die meisten Papiere selbst aussuchen. In typisch japanischer Weise fühlt sich der Kunde wie ein König, in Wirklichkeit ist es die Verkäuferin, die regiert. Schliesslich weiss sie es besser, sie ist ja die Verkäuferin und hat mit den Waren täglich zu tun. Jede Frage wird beantwortet, wenn sie etwas nicht weiss oder ein englisches Wort nicht versteht, zieht sie sofort andere Kolleginnen hinzu. Das ist eine Symbiose, kein Verhältnis von Bedienungspersonal zu Bedientem. Es macht Spass, verkörpert Lust am Verkaufen und Perfektion im Verkaufsvorgang. Verkaufskultur ist eine der herausragenden Eigenschaften, die Japan und andere asiatische Staaten von Europa sehr unterscheiden. 16. Juni Mitternacht bzw. Mittag wieder in Europa. Das Flugzeug startet nach Westen. Den Blick aufs östliche Sibirien werde ich nie vergessen, es ist einfach einmalig, wild und schön. Der Flug ist ganz nett, diesmal fliegen offenbar zwei Profi-Piloten. Der Anschnallhinweis blinkt nicht gleich bei jeder kleinen Turbulenz auf und die Landung ist die weichste, die ich je mit einer 747-400 erlebt habe. Meine japanische Sitznachbarin unterhält sich mit mir und will unbedingt Adressen tauschen. Nach der Landung in Amsterdam kommen mir die Leute so unglaublich übergewichtig und klumpig vor und die Waren schlecht präsentiert. Fingerabdrücke auf einer Vitrine hätte ich vor der Reise auch nicht so deutlich gesehen, ich missbillige sie jetzt ganz automatisch. Nun ist die alte Kultur die fremde Kultur, mit all ihren Höhen und Tiefen. Man sieht den Leuten schon an, dass jetzt wieder der hiesige grosse Profilierungszwang auf mich zukommt; sich aufplustern oder untergehen. Es kommt mir so lächerlich unnatürlich vor. Die Reise ist zu Ende, aber alles geht weiter.
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