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Einleitung

1995
- Seoul
- Puyo
- Pulguk-Sa
- Shimonoseki
- Hiraizumi
- Takamatsu
- Deutschland

1997
- Kagoshima
- Kyongju
- Sapporo
- Deutschland

Glossar, Literatur, Bücher

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Reiseerlebnisse Japan und Korea - Teil 1

Am 28. April '97 machen wir uns zu zweit zum Flughafen Stuttgart auf. Zwei Wochen vorher hatte ich mich entschieden, wieder nach Japan aufzubrechen. Der Air France Flug geht über Paris/Charles de Gaulle nach Tokyo/Narita. In Frankreich regnet es, die Luft ist von Feuchtigkeit gesättigt. Wir können wehende Kondensstreifen hinter den Tragflächen bewundern. Der Flughafen in Paris macht einen unpraktischen, heruntergekommenen Eindruck. Im Vergleich fällt es uns besonders am nächsten Tag in Tokyo auf. Der grösste Teil des langen Nachtfluges ist ziemlich grau und langweilig, wie erwartet sind Essen und Komfort in der Galeerenklasse nicht besonders überzeugend. Mitreisende Japaner geniessen grösstenteils den kostenlosen Billig-Champagner. Die Wolken sind so hoch, dass der Himmel noch in Flughöhe trübe bleibt, auch über Nacht. Wenige Kilometer entfernt entdecken wir eine andere 747 im Parallelflug, wir überholen sie im Zeitlupentempo. Für die mitreisende Freundin ist es der erste Langstreckenflug, sie ist überrascht von der Unbequemlichkeit der Reise: Nach einigen Stunden schwellen die Beine an, Augen und Lungen brennen gereizt in der extrem trockenen Luft und bei zwölf Stunden Flug ist jede Sitzposition in den engen Sesseln eine Qual.

Wir landen pünktlich auf dem Flughafen Narita und kommen gut durch Zoll und Einreiseschalter. Direktflüge aus Europa werden nicht so gründlich kontrolliert wie aus Asien. Wir haben keine Schwierigkeiten, die Mitbringsel Brot und Käse durch die Kontrollen zu schmuggeln. In Japan beeindrucken zuallererst immer wieder dieselben Dinge: Blitzsaubere, kilometerlange unterirdische Passagen, sekundengenaue Züge, alles unwahrscheinlich perfektioniert und aufgeräumt. Es ist heiss, die Sonne scheint auf Bambuswäldchen und Reisfelder, die an der Bahnstrecke von Narita nach Ueno im Norden des inneren Bereichs von Tokyo liegen. Das grösste Ballungszentrum der Welt erscheint erst dörflich und verdichtet sich dann ganz langsam zur Stadt. Ständig unterbrechen grosse Flüsse mit breitem, grünem Uferbereich die Gegend, so dass die Illusion einer weiten Landschaft entsteht. Hinter den Dämmen breitet sich das Häusermeer aus. Man hat den Eindruck, der Damm schütze den Fluss vor der überbrandenden Besiedlung und nicht umgekehrt.

Nach eineinhalb Stunden stehen wir am Bahnhof Ueno und steigen in die U-Bahn um. Die Wohnung meiner Bekannten in Minato-ku im südlichen Zentrumsbereich finden wir sofort. Wer einmal in Japan war, verirrt sich selten, auch wenn sich wegen der fehlenden Strassennamen das Auffinden von Adressen schwierig gestalten kann. Bei der japanischen Perfektion stellt dies selten ein grösseres Problem dar. So sind beispielsweise alle U-Bahn-Ausgänge nummeriert und an jeder Ecke hängen detaillierte und aktuelle Karten. Die Bekannte wohnt direkt unterhalb des Tokyo-Towers in einem sehr luxuriösen Hochhaus. Wir sind inzwischen fast 24 Stunden unterwegs, aber jetzt früh schlafen zu gehen, wäre der inneren Zeitumstellung nicht zuträglich. Also wandern... zu Fuss, trotz bleierner Müdigkeit durch Tokyo zum Kaiserpalast, zum Bahnhof, über Ginza. Es ist Feiertag, bis 18 Uhr sind die Strassen des Nobelstadtteils Ginza und andere Strassen in belebten Geschäftszentren teilweise für den Autoverkehr gesperrt. Massen von Tokyotern flanieren auf den temporären Fussgängerzonen. Viele Leute tummeln sich auf den kurzen, weichen Graswiesen vor dem Palast. Ein lauer Wind weht, vom blauen Himmel strahlt ein intensives helles tropisches Sonnenlicht. Wir glauben zu träumen, am Morgen sind wir noch im kalten Stuttgart aufgewacht - und wir träumen auch beinahe wirklich vor Schläfrigkeit.

Unseren ersten vollständigen Tag in Japan verbringen wir in Tokyo. Wir schlendern über mir von früheren Reisen bekannte Plätze, kaufen Reisezubehör ein, zum Beispiel einen dicken Gesamtfahrplan der öffentlichen Verkehrsmittel. Darin sind nicht nur sämtliche Eisenbahnverbindungen, sondern auch Fähr- (nicht unwichtig im Inselreich Japan) und Überlandbuslinien verzeichnet. Wir lassen uns auf das oberste Stockwerk des Rathauses fahren. Mit 248 Meter Höhe ist es das höchste Gebäude der Stadt. Trotz der hohen Landpreise werden erst seit Anfang der Achtziger Jahre im stark erdbebengefährdeten Tokyo Hochhäuser gebaut. Oben auf der Aussichtsplattform der Twin Towers macht uns dann der Blick über das unfassbare Häusermeer und andere Wolkenkratzer unter uns eindringlich klar, wo wir uns jetzt befinden: Im Herzen des grössten Ballungszentrums der Welt. Der Kulturschock trifft uns beide nun so richtig. Dort oben kommt die deutliche Erkenntnis, dass es doch ein Riesenunterschied ist, real über dem endlosen Häusermeer Tokyos zu stehen oder per Fernsehen oder anderen Medien konservierte Blicke von anderen zu konsumieren. Tausend Details machen unsere Anwesenheit zum einmaligen Erlebnis: Von unten dröhnt das tiefe Brummen der Grosstadt, über uns wölbt sich eine riesige Kuppel im Wolkenkratzerdach, hinter uns stehen die unvermeidlichen Getränkeautomaten. In der Mitte des Stockwerks befindet sich ein peinlich sauberes Café, ständig polieren Putzleute an den Scheiben herum. Uns wird die leise Angst vor einem Erdbeben besonders bewusst; gerade jetzt, wenn wir ganz oben stehen...

Tags darauf wird frühmorgens der Japan-Rail Pass eingelöst. Diese Netzkarte ermöglicht eine Zeitlang unbegrenzte Benutzung aller Verkehrsmittel der Japan-Rail Eisenbahnen. Er ist nur für Touristen erhältlich und muss im Ausland gekauft werden. Wir rasen per Hikari (zu deutsch "Blitz", einem Schnellzug mit bis zu 300km/h Reisegeschwindigkeit) in knapp sieben Stunden fast 1200 Kilometer bis zum Shinkansen-Terminal in Hakata auf der südlichen Hauptinsel Kyushu. Dort steigen wir in den "limited express" für weitere 150 Kilometer nach Nagasaki um. Nur Shinkansen-Gleise besitzen europäische Spurweite, alle übrigen Strecken haben Schmalspur. Auf den normalen Linien fahren Limited-Expresszüge am schnellsten. Fast alle Züge sind sekundengenau pünktlich, es fasziniert mich immer wieder. Der Shinkansen hält exakt 90 oder 120 Sekunden, dann schliessen die Türen vollautomatisch. In Hakata bleibt uns sogar Zeit, um über die Fassade auf das Arco-Building zu steigen, ein öffentliches Gebäude in Pyramidenform. Es ist aussen bis zur Spitze bepflanzt und kann zu Fuss erklommen werden. Auf halber Höhe befindet sich ein Freitheater. Den Grossteil des Tages verbringen wir in der Eisenbahn, aber auch vom fahrenden Expresszug aus kann man einiges von Japan sehen. Wir blicken fasziniert stundenlang aus dem Wagenfenster, erfreuen uns an den japanischen Häusern mit ihren oft farbig glasierten Ziegeldächern, Teefeldern, weiten Landschaften aus Reisfeldern, den immer vorhandenen hohen Bergen am Horizont und vielen anderen neuen Ansichten. Leider regnet es in Nagasaki. Abends in der Jugendherberge macht meine Mitreisende zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem japanischen Bad, dem Ofuro. Es war für sie zwar nicht einfach und mit gewissen Anfangsschwierigkeiten verbunden, aber doch Liebe auf den ersten Blick. Für Uneingeweiht ist ohne Anleitung nicht unbedingt klar, wie was zu benutzen ist. Andererseits musste ich mir auf jeder Japanreise von vielen Japanern unzählige Male liebenswürdig-belehrend anhören, wie man badet. Die Jugendherberge ist nach japanischem Massstab allerdings recht heruntergekommen.

Japanische Bäder bestehen aus einem Vorraum, in dem man sich vollständig entkleidet, sowie einem Baderaum mit einem grossen Becken und einigen niedrigen Hockern vor Wasserhähnen. Manchmal gibt es zusätzlich eine Duschbrause für die Ausländer. Erst wäscht man sich gründlich im Sitzen mit Seife, dann entspannt man sich im heissen Wasser (42 Grad ist die normale Temperatur - manchmal auch heisser). Anschliessend wieder waschen und baden. Die Becken sind meist sehr schön, aus Natursteinen gemauert oder aus Holz gezimmert und häufig mit Mineralwasser gefüllt. Viele Jugendherbergen haben eine eigene heisse Mineralquelle, was in Japan nichts ungewöhnliches ist. Gebadet wird ausschliesslich abends, allenfalls Ausländer stellen sich am Morgen unter die Barbarendusche. Für uns ist es nach kurzer Zeit undenkbar, auf den Genuss des allabendlichen Bades zu verzichten. Wer einmal die japanische Badekultur kennengelernt hat, wird für Badezimmerfreuden westlichen Stils den Rest seines Lebens nur ein mitleidiges Lächeln übrig haben. Familien baden gemeinsam, öffentliche Bäder (Sento) sind nach Geschlechtern getrennt. Allabendlich sitzen wir im Gemeinschaftsraum der Jugendherbergen eine Weile bei heisser Nudelsuppe und dem immer vorhandenen Tee und Kaffee, um mit japanischen Gästen zu reden und ein paar neue Leute kennenzulernen.

Die "Kultur der Nudelsuppen" ist eine Welt für sich. Erstklassige frische Nudelsuppen sind fast überall zu haben, vor allem an Bahnhöfen. Aber auch Fertigsuppen sind nirgends so lecker und differenziert wie in Japan. In den Supermärkten sind ganze Regalreihen mit den verschiedensten Nudelsuppenvarianten bestückt, die meisten beinhalten ein Zubereitungsgefäss, Stäbchen und viele kleine Tütchen mit Ingredienzen, die nach genauer Anweisung auf unterschiedliche Weise verwendet werden sollen. Einzige nicht mit inbegriffene Zutat ist das heisse Wasser, aber das lässt sich überall auftreiben. Der Spass ist überaus preiswert: Gute Suppen kosten etwa 100 Yen (etwa 0,70 EUR). Sie enthalten so viele Nudeln, dass man für einige Zeit keinen Hunger mehr bekommt. Mein Favorit heisst "Ufo", bietet viele Soba (braune Buchweizennudeln), Sesam, Sojasosse, Gemüsestückchen, Seealgenflitter, Meerrettichpaste und anderes mehr. Bei "Ufo" (die Verpackung sieht entsprechend aus) kann man wahlweise das heisse Wasser durch kleine Öffnungen abgiessen und die Nudeln nur mit Sosse ohne Brühe essen.

Die erste Nacht ist nicht so erholsam wie erhofft. Die Zeitverschiebung und die feuchtwarme Luft lassen tiefen Schlaf noch nicht zu. Ein paar Tage später macht uns das gar nichts mehr aus, wir schlafen in jeder Umgebung gut.

Per Bimmelbahn zockeln wir von Nagasaki bis zur Nordküste von Kyushu nach Karatsu. Die nicht elektrifizierte Strecke führt durch lange Täler in einer schönen Landschaft, ringsum stehen bewaldete, niedere Berge. Die kleineren Eisenbahnstrecken werden meistens von Schulkindern und älteren Leuten benutzt. Wer es sich leisten kann, fährt wohl mit dem Auto. Dagegen ist in der zugesiedelten Kansai-Region Zentraljapans Autofahren viel teurer und unkomfortabler. Karatsu entpuppt sich als ruhiges kleines Städtchen mit einer schön gelegenen Burg, die über dem Meer auf einer Halbinsel thront. Im Meer liegen weitere Inselchen, in der Ferne ist der industrielle Teil Karatsus mit Raffinerietürmen zu sehen. Karatsu besitzt ausserdem einen hübschen Schrein und ein Museum, in dem riesige Trageschreine in Form von wilden Holzfiguren präsentiert werden. Es sind keine Ausstellungsstücke, im Herbst während eines Festes jagen Träger mit ihnen durch die Strassen.

Meine Begleiterin beginnt, genau wie ich auf den früheren Reisen die japanische Welt der "convenience-stores" zu lieben. Man gewöhnt sich schnell daran, zu jeder Tageszeit Reisrollen oder -dreiecke, ganze Gerichte, eiskalte leckere Getränke, Reiskuchen, Nudelsuppen, Telefonkarten et cetera im Laden um die Ecke zu bekommen. Die Läden bieten 24 Stunden/7 Tage pro Woche lang Kioskwaren (viele Comics), Lebensmittel, Fertiggerichte, Drogerie- und Schreibwaren, Fax- und Kopiergerät, heisses Wasser für Instant-Suppen, alle Sorten von kalten und heissen Getränken, Mikrowellengeräte zum Aufwärmen der Gerichte, einige Bankdienste, alle Postdienste und noch vieles mehr. Alles ist kaum teurer als im Supermarkt. Die Scannerkassen sind mit grossformatigen flachen Farbbildschirmen ausgerüstet, so dass man auch noch beim Bezahlen Videoclips und Werbung zu sehen bekommt. Für uns sind diese Läden Leuchttürme und Oasen der modernen japanischen Zivilisation, Rettungsanker für hungrige Billigtouristen - vorausgesetzt man ist überhaupt in der Lage, die generell hohen japanischen Preise zu bezahlen. Gibt es einmal keinen Laden, bleiben immer noch ganze Armeen von Verkaufsautomaten, die auch im letzten Winkel des Landes aufgestellt werden. Dort kann man Kaffee, Tee (heiss und kalt), alle sonstigen Softdrinks, Wasser, Säfte, Vitamingetränke, Bier et cetera in Dosen kaufen, ausserdem Sake, Wein, Pflaumenwein, Reisschnäpse, Reis, Süssigkeiten, kleine heisse Gerichte, Batterien, Pager (in Deutschland "Cityruf"), elektronische Spiele, Videos, kurz: Fast alles. Automaten mit alkoholhaltigen Getränken sind ab 11:00 Uhr nachts gesperrt. Die meisten Geräte sind mit je 20 unterschiedlichen Softdrinks oder zehn Sorten Bier bestückt. Jedes Kleinkind kann sich theoretisch eine Jumbodose Kirin-Bier ziehen, aber Probleme scheint es wegen dieser Möglichkeit trotzdem nicht zu geben. An kleinen Läden stehen oft bis zu zehn Geräte dicht an dicht, im Falle von Erdbeben wird ausdrücklich vor schwankenden oder umstürzenden Automaten gewarnt. Die Preise der verkauften Waren sind meist nicht höher als im Laden.

Wir haben Schwierigkeiten, eine passende Jugendherberge zu finden, da wir wie viele Japaner ausgerechnet in der Feiertagswoche "Golden Week" unterwegs sind. Drei Feiertage häufen sich zeitlich nahe beieinander und viele Menschen nutzen die freie Zeit, um mit der Familie in Urlaub zu fahren. Wir sind auf Jugendherbergen angewiesen, jede andere Art der Übernachtung wäre viel zu teuer. Wir rekrutieren jedesmal Japaner in den Jugendherbergen, überreichen ihnen unsere Telefonkarten und bitten sie, uns bei der obligatorischen Anmeldung für die nächste Jugendherberge zu unterstützen. Für die nächsten Tage ist nur etwas in Kagoshima frei.

Mit dem übervollen Tsubame-Vorzeigeexpress kommen wir tags darauf über Kumamoto in Kagoshima an. In Kumamoto machen wir Zwischenstation, fahren mit einer lustigen dieselgetriebenen Kleinbahn zum Tenjin-Garten. Es ist auch die Route zum Aso-Krater in Zentralkyushu, die später über Spitzkehren den Kraterrand hinaufklettert. Der Garten ist mässig interessant, ein Landschaftsgarten mit den Stationen des Tokaido (die alte Heerstrasse von Edo, dem heutigen Tokyo, in Richtung Süden). Im letzten Abschnitt der Bahnstrecke nach Kagoshima wird die Umgebung dagegen aussergewöhnlich wildromantisch. Man sieht der Vegetation das feuchtheisse Klima an. Einige Kilometer vor Kagoshima rollen die Wagen fast nur noch durch Tunnels, über Brücken und Rampen, durch enge Schluchten und kleine Ortschaften. Wieso wohl überhaupt eine so aufwendige Eisenbahnlinie gebaut wurde?

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