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Einleitung

1995
- Seoul
- Puyo
- Pulguk-Sa
- Shimonoseki
- Hiraizumi
- Takamatsu
- Deutschland

1997
- Kagoshima
- Kyongju
- Sapporo
- Deutschland

Glossar, Literatur, Bücher

Bilder:

Teil 2

Kagoshima, die südlichste Grossstadt Japans ist nicht nur tropisch warm, sondern hat auch trotz aller Modernität ein entspanntes, südländisches Ambiente. Tagsüber ist es sehr heiss und nachts laufen bereits ab April die Klimaanlagen. Die Sonne steht am Mittag so gut wie senkrecht, in der ganzen Stadt wachsen verschiedene Palmenarten in Parks und als Strassenbäume. Kagoshima liegt südlicher als Kairo. Abends verschwindet die Sonne als grosser orangeroter Ball innerhalb von Sekunden hinter den Bergen. Mit dem Sonnenuntergang wird es ohne Dämmerung sofort dunkel. Beim ersten Mal ist es für Europäer verblüffend, dieses Phänomen in Japan zu erleben. In dieser Stadt kann man gar nicht anders, als abends durch die warme Luft zu schlendern und die unjapanisch gelöste Atmosphäre geniessen. Auf der einen Seite glüht die Sonne, deren Rot immer intensiver wird; gegenüber erhebt sich auf der Halbinsel im Meer die rauhe Kulisse des über tausend Meter hohen Sakurajima. Aus seinem gezackten Krater steigt ständig Qualm auf. Die Jugendherberge liegt dort drüben am Fusse dieses Vulkans, mitten in riesigen Lavafeldern. Der Sakurajima liefert auch das dunkelbraune, sehr saure und metallische Mineralwasser für das grosse Bad der Jugendherberge. Es ist höllisch heiss, wirkt aber herrlich entspannend. Im Hafen von Kagoshima landen die Schiffe von den Ryukyu-Inseln. Wahrscheinlich ist die Stadt während der Herbsttsunamis (Wirbelstürme) nicht so entspannt, und sie war es auch nicht, als der Sakurajima vor wenigen Jahren für regelmässigen Ascheregen gesorgt hat.

Am Sonntag treffen wir in Kagoshima einen katholischen Pfarrer vor seiner Kirche, nahe der St. Xavier Gedenkstätte. Er spricht deutsch, freut sich sehr über Besuch aus Europa, fragt uns auch gleich, ob wir katholisch seien. Er bietet uns an, uns zu der Stelle zu fahren, wo der Landungsplatz des heiligen Francis Xavier vermutet wird. Das Andenken dieses Jesuiten wird in Kagoshima durch viele Denkmäler sehr hoch gehalten, weil er Japan im 16. Jahrhundert den ersten echten Kontakt mit dem Westen ermöglichte. Mit dem portugiesischen Schiff kamen auch zum ersten Mal Feuerwaffen auf die japanischen Inseln, deren Verbreitung die japanische Geschichte nachhaltig beeinflusst hat. Die Jesuiten erstellten auch das erste japanisch-portugiesische Wörterbuch. Die Kirche ist teils in japanischem, teils in europäischem Stil erbaut, ziemlich heruntergekommen, aber offenbar ausreichend für die 3000 Christen unter 500.000 Kagoshimajin. Ein Vorraum ist mit Tatamis ausgelegt, im Hauptraum stehen dagegen Kirchenbänke, unter einem leidenden Jesusbild aus Italien sind japanische Erklärungen zu lesen. Die meisten Gottesdienstteilnehmer sind Philippinos. Sie wollen in Japan als Arbeitskräfte Geld verdienen, entsprechend ist die Sprache ihres Gottesdienstes in Tagalog.

Prompt werden wir anschliessend von einer Zeugin Jehovas angesprochen, als wir uns auf sattgrünem Rasen eines Parks im Palmenschatten ausruhen. Irgendwann gibt sie es auf, wir sprechen in mehrfacher Hinsicht keine gemeinsame Sprache. Manche Dinge verfolgen einen rund um den Globus.

Einige Museen sind erstklassig: Zum Beispiel das neue Präfekturmuseum, das auf dem Gelände der alten Burg errichtet wurde. Es wird eine breite Palette landeskundlicher Themen gezeigt. Man bemüht sich, das Museum auch für die wenigen ausländischen Besucher interessant zu machen. Die Ausstellungen sind gar nicht museal-verstaubt präsentiert, sondern perfekt organisiert, viele Exponate dürfen angefasst werden. Aufenthaltsräume sind ansprechend aufgemacht und passend integriert, im ganzen Museum herrscht eine gelöste Atmosphäre. Einige Räume sind nur für Kinder reserviert. Darin spielt und lernt eine Horde von Kindern verschiedenen Alters an computerunterstützten Bildschirmgeräten. Andere Räume bieten kindgerechte Einrichtung, hier darf mit allem gespielt werden. Allein das Museumsgebäude ist ein architektonisches Meisterwerk, in dem man sich den ganzen Tag aufhalten kann. So schlecht ist die Idee gar nicht, denn die Räume sind genau richtig klimatisiert. Das denken auch viele Japaner, denn im Museum tummelt sich ein bunt gemischtes Publikum. In Japan gibt es kaum schlecht besuchte oder leere Museen. Nicht zuletzt durch ihren Unterhaltungswert bei hohem Standard scheinen sie eine grosse Anziehungskraft auf viele Menschen auszuüben. Man fragt sich sofort, woher bloss die finanziellen Möglichkeiten und der Aufbauwille für öffentliche Einrichtungen kommen, wo doch in Deutschland seit Jahren öffentliche Mittel reduziert und Eintrittspreise massiv erhöht werden.

Nach zwei Nächten am Sakurajima fahren wir frühmorgens per Bus und Bahn ins Kirishima-Vulkanmassiv, zuerst in eine kleine Jugendherberge in Kirishima Jingu Mae, direkt beim grossen Kirishima-Schrein. Die Herbergsfamilie sitzt gerade beim zweiten Frühstück, wir lassen die Rucksäcke hier zurück. Das geht in allen Jugendherbergen, manchmal bleiben die Rucksäcke offen liegen. Trotzdem wurde mir in Japan noch nie etwas gestohlen. Am Kirishima-Schrein ist erstmal Schluss, kein Bus fährt weiter nach Ebino-Kogen, einem Hochplateau, das als Ausgangspunkt für Wanderungen gut geeignet ist. Also machen wir den Versuch, per Anhalter weiterzukommen. Leider wissen wir nicht, welche Strasse in die richtige Richtung führt und verplempern eine halbe Stunde an einer Sackgasse. Kaum stehen wir auf der anderen Seite des Dörfchens, nimmt uns auch schon ein älteres Ehepaar mit. Endlich in Ebino-Kogen angekommen, marschieren wir zu einer Bergwanderung los, die sich gewaschen hat! Durch einen wilden Wald wandern wir in Richtung dreier Kraterseen. Nachdem wir den ersten nur flach in der Landschaft gesehen haben, taucht überraschend der zweite hinter einer Wegbiegung auf. Er schimmert uns tiefblau zwischen den Bäumen hindurch entgegen. Mit seiner kreisrunden Form, dem phänomenal strahlendblauen Wasser und einem hellen Sandstrand leuchtet er deutlich blauer als der wolkenlose Himmel. Die anderen Seen sind nicht weniger malerisch gelegen.

Hinter einem grossen kahlen Schwefelfeld steigt der Weg an, um steil und steinig bis auf 1700 Meter auf den Rokkamon-Dake zu führen. Trotz der Höhe und kräftigem Wind ist es heiss, auf halber Höhe bei der Baumgrenze ist meine Mitreisende kurz davor, aufzugeben. Zum Glück tut sie es nicht, denn in Gipfelnähe belohnt der einzigartige Ausblick von oben! Entschädigung für allen vergossenen Schweiss. Ringsum breitet sich eine menschenleere Landschaft aus Vulkankratern, Seen, Wäldern und Bergen bis zum Horizont aus. Beim Abstieg schweben unter uns Wolkenfetzen heran, die in D-Zug-Geschwindigkeit den Berg herauf auf uns zurasen, uns umhüllen und genauso schnell wieder verschwinden. Später wird mir schlecht, ich habe trotz Sonnenschutzmittel einen klassischen Sonnenstich. Schlimm, da wir auch wieder zur Jugendherberge zurücktrampen müssen. Unsere Fahrer sind sehr nett, reden aber so schrecklich viel. Einmal muss ich aussteigen, weil es mir so furchtbar übel ist. Wie peinlich! Ausländer eben - sind halt das japanische Klima nicht gewöhnt.

Die Nacht ist ein besonderes Erlebnis. Die Ortschaft besteht nur aus ein paar Häusern ohne eine weiterführende Strasse, kein Autolärm stört, um uns liegt nur einsame Natur. Wir sitzen nach dem obligatorischen heissen japanischen Bad in der Jugendherberge im Halbdunkel auf Tatamis in einem herrlichen alten Raum aus dunklem, poliertem Holz. Ein lauer Abendwind weht durch das Zimmer, draussen quaken Frösche, Grillen zirpen, Uhus uhen, der Himmel ist sternklar. Ein zeitloses Erlebnis ohne eigene Gedanken. Ein Sommer-Haiku rückt eine unendlich kleine Strecke näher.

Stille - der Zikadenlärm
dringt ein
in die Felsen.

Am darauffolgenden Tag, dem 6. Mai, fahren wir nach Miyazaki, der heissesten Stadt Japans. Eine warme Meeresströmung sorgt hier für ein ausgesprochen mildes Klima. Entlang der Bahnstrecke wachsen verschiedene tropische und subtropische Früchte wie Orangen und Bananen. Bei 33 Grad und unbestimmbar hoher Luftfeuchte schlagen wir uns tapfer mit verschiedenen Bussen in das Saitobaru-Gebiet durch. Dort erwartet uns noch ein langer Fussmarsch, um in einen Landstrich mit besonders vielen Kofun (Grabhügel aus den Jahrhunderten um 500 n.Chr.) vorzustossen. Von hier aus war der Yamato-Clan zu Macht und Ansehen gekommen. Er begründete später auf der Hauptinsel das japanische Kaiserhaus. Der halblegendäre erste Kaiser Japans Jimmu soll im 7. Jahrhundert v. Chr. in dieser Gegend vom Himmel herabgestiegen sein, um in der Nara-Ebene das Reich zu gründen. Ausserdem kann man viele kulturelle Verbindungen zu Korea erkennen, ein (absichtlich?) unbekannteres Faktum der japanischen Vergangenheit. Schon in der Steinzeit haben in beiden Richtungen rege Handelsbeziehungen geherrscht, Artefakte beweisen das. Kyushu hatte Feuersteinwerkzeuge anzubieten. Aus Korea kamen später Spiegel, Glocken, andere Metallgegenstände und viel know-how, um beispielsweise Töpferwaren herzustellen.

Wir finden das Museum nicht, irren in der unübersichtlichen Gegend durch Bambuswäldchen, Felder, Feldwege durch die brütende Hitze. Nach langer Suche stossen wir endlich auf das gesuchte Museum "Heute geschlossen", weil Montag ein Feiertag war und darum ausnahmsweise Dienstag Ruhetag ist. Was für ein Fehlschlag. Erschöpft ruhen wir uns im umliegenden Park aus. Da taucht ein Mann auf, prüft die Umgebung und inspiziert die Aussenanlagen. Wir fürchten schon, höflich vertrieben zu werden, weil das Museum heute geschlossen ist. Er stellt sich jedoch als der Museumsleiter vor, redet ein bisschen mit uns und ist erstaunt, dass wir überhaupt hergefunden haben. Anschliessend bietet er sogar an, das Museum exklusiv für uns zu öffnen! Wir nehmen dankend an und erhalten eine interessante Privatführung durch "sein" Museum. Später fährt er uns mit dem Auto zum Busbahnhof. Er zeigt sich sehr beeindruckt von meinen Kenntnissen über die japanische Geschichte und will uns auch noch zum Essen einladen. Das erscheint uns dann doch zu viel. Wir nehmen dieses grosszügige Angebot nicht an, denn wir fürchten, es ist mehr höflich als ernst gemeint. Es ist schwer, als Aussenstehender das richtig einzuschätzen.

Zum Glück hat unsere Jugendherberge in Miyazaki eine Klimaanlage, sonst würden wir nachts auf unseren Tatamis verschmachten. Die Jugendherberge ist ein Stockwerk in einem Hochhaus, klein und relativ luxuriös. Die Herbergsmutter zündet erst Räucherwerk im Zimmer an, fragt nach der gewünschten Zeit fürs Bad. Wir werden auch gefragt, ob wir zusammen ein Zimmer wollen - das wäre undenkbar in Deutschland. Dort werden neue Zimmer erst vergeben, wenn die belegten Räume ganz "aufgefüllt" sind, ausserdem herrscht strikte Geschlechtertrennung. In Japan erlebe ich immer wieder von neuem, dass neben aller geölter Perfektion und trotz des Bürokratismus Platz für reine Menschlichkeit ist. Die Regeln werden im Zweifelsfall zur Seite gelegt, wenn es sinnvoll erscheint. Blinden Kadavergehorsam gibt es nicht (mehr?), auf jeden Fall seltener als in Europa. Wo würde man ein ganzes Museum wie selbstverständlich für zwei japanische Touristen öffnen und die beiden anschliessend auch noch heimfahren?

7. Mai, unsere Reise geht per Bahn nach Shimonoseki. Am Anfang (bis kurz vor Beppu) ist die Bahnstrecke eine Panoramaschau: Enge Täler, alle 100 Meter ein kleiner Tunnel, sehr enge Kurvenradien - der Kyushu-Superexpress "Nichiren" erreicht oft nicht einmal 30 Kilometer/Stunde. Am Wegesrand wachsen wieder alle Sorten von Zitrusfrüchten, Palmen, Tabak, Tee, fast reife Gerstenfelder. Gerste wird als Vorfrucht zum Reis angepflanzt, so dass zweimal im Jahr geerntet werden kann. Die Ostseite von Kyushu ist viel wärmer als die Westseite.

Ab 9. Mai. Bei hoher See ohne Schlaf nach Pusan in Korea übergesetzt. Die ganze Nacht schlagen schwere Brecher gegen die Schiffswand, so dass der ganze Kahn nachschwingt wie eine Glocke. Ein paarmal fürchten wir wirklich, das Schiff würde auseinanderbrechen. Nicht nur der Sturm lässt uns keinen Schlaf finden, sondern auch die vielen fernsehglotzenden, kartenspielenden, qualmenden alten Frauen, die einen Grossteil der Passagiere ausmachen. Es scheinen japanische Koreaner oder Koreaner auf Verwandtenbesuch in Japan zu sein. Eine geistig Behinderte betatscht meine Mitreisende. Treasured memories of another sleepless night. In Pusan werden wir innerhalb von fünf Minuten durch die Zoll- und Einreisekontrolle nach Korea geschleust. Beim Geldtausch in der Bank bekommen wir einen Teller voll Süssigkeiten, Kekse und Getränke angeboten - man feiert heute ein Bankjubiläum. Wir verbeugen uns und putzen die Leckereien dankbar weg. Man übt sich gerade in Freundlichkeit, weil die Asienspiele stattfinden, eine kleine Version der Olympiade. Pusan bewirbt sich auch um die Fussball-WM und will einen tadellosen Eindruck auf Fremde machen. Offenbar haben wir nach der knochenharten Nacht im Schiff heute eine gute Ereigniskarte gezogen. Wir haben auch keine Schwierigkeiten, schon den Rückflug für meine Mitreisende zu buchen. Anschliessend suchen wir das Expressbusterminal und fahren sofort nach Kyongju weiter. Während der Fahrt regnet es heftig.

Der Besitzer des Hanjin-Yogwans (ein Yogwan ist eine klassische koreanische Herberge) in Kyongju erkennt mich sofort wieder, unsere letzte Begegnung liegt genau zwei Jahre zurück. Das Zimmer taugt trotzdem nicht allzuviel. Zumindest ein trockener Platz in all dem Regen. Mit den Tagen stellt sich wieder das koreanische Lebensgefühl ein. Man lebt sehr aus dem Bauch heraus. Emotionen zeigt man auch in der Öffentlichkeit, nimmt die Dinge sehr gelassen. Nicht zuletzt bekommt man ein deutlicheres "Ja" und "Nein" als in Japan zu hören und darf es auch selbst sagen, ohne befürchten zu müssen, andere damit zu verletzen.

An unserem zweiten Tag bessert sich das Wetter zusehends. Wir machen zuerst eine Bergtour auf den Nam-San ("Südlicher Berg"), um den Kopf etwas freizubekommen. Oben im Bergmassiv verbergen sich Einsiedeleien mit singenden Mönchen, Pagoden, in den Granit eingeritzte Buddhareliefs, Hügelgräber und unzählige andere Überreste aus der Shilla-Zeit (zwischen 0 und 1000 n. Chr). An den höchsten Punkten liegen mehrere Meter hohe Granitfelsen frei, worauf man trefflich Rast machen und stundenlang den weiten Blick ins Land geniessen kann. Gleichmässiger Wind kühlt uns, von unten schwebt manchmal das Singen eines Mönches heran. Wir blicken in die Landschaft hinaus auf Bergkette hinter Bergkette bis zum Horizont, jeder Gebirgszug höher als der vorige. So sieht es fast überall in Korea aus. Die Täler sind flach mit intensivem Reisanbau, Flüsse und Gewächshausfolien glitzern in der Sonne. Beim Abstieg umflattern uns viele ungewöhnlich grosse, bunte Schmetterlinge.

Um sechs Uhr morgens machen wir uns zur Sokkuram-Grotte auf, um den Touristenmassen (es ist Wochenende) zu entgehen. Dank des chaotischen Bussystems stehen wir trotzdem erst nach neun Uhr am Beginn des Wanderpfades, der drei Kilometer zur Grotte hochführt. Der Pfad windet sich durch einen tiefen Wald den Berg hinauf, ab und zu hoppeln Streifenhörnchen und Eichhörnchen davon. Langsam wandern wir in der Schwüle den ansteigenden Weg entlang, die Felsstürze und Schluchten werden immer rauher. Hinter einer Wegbiegung erreichen wir den Bergkamm mit herrlicher Sicht in alle Richtungen. Die Buddhahöhle liegt knapp unterhalb des Hauptgipfels und die Buddhastatue blickt über eine Zacke im Bergpanorama auf das nebelhafte, 30 Kilometer entfernte Ostmeer. Dort oben treffen sich Wanderer, Pilger, Touristen aus allen Gegenden. Wir sehen eine orange gekleidete Gruppe von Mönïhen aus Birma mit Foto und Videokamera, die von den anderen Touristen mit grossem Respekt behandelt wird. Auch Schulkinder, amerikanische Soldaten und koreanische Mönche halten sich bei der Grotte auf. Die beispiellose Schönheit der Grotte und ihrer Lage macht alle freier, jeder spricht mit jedem, wie eine Familie, die sich zu einem besonderen Ereignis trifft. Der Sokkuram-Buddha selbst, die umgebende Höhle, Wächterfiguren und andere Reliefs sind einzigartig und zeitlos schön, kaum zu beschreiben (auch wenn Kunstgeschichtler schon viele Bücher darüber verfasst haben). Nach über tausend Jahren zeigt der Buddha materiell und ideell keinerlei Alter, er blickt von seiner Lotosblüte in absoluter Ruhe und künstlerischer Perfektion über die Bergwelt hinweg auf das entfernte ewige Meer.

Nach dem Abstieg besuchen wir das Kjongju-Nationalmuseum. Die Anlagen um das Museum und das Museum selbst sind immer noch so entspannend und erfrischend wie vor zwei Jahren, zweifellos ist es eines der besten Museen in Korea. Anderes hat sich ebenfalls nicht verändert: Das absolut chaotische Bussystem, fehlende Karten, miese Touristeninformation, nicht vorhandene Reiseführer. Das Preissystem der Busse bleibt mir bis zur Abreise ein Rätsel. Busfahrpläne, Routenkarten, deutlich bezeichnete Haltestellen, schlüssige Busnummern gibt es nicht. Der einzige detailliertere Reiseführer kommt aus der "Lonely Planet" Serie. In anderen Ländern mag er als unersetzliche Reisebibel dienen, die Ausgabe über Korea ist leider faktisch unbrauchbar, trotz Neuauflage grösstenteils total veraltet, irreführend und ignorant.

Dafür kann man sich täglich für verhältnismässig wenig Geld den Bauch mit Köstlichkeiten der koreanischen Küche vollschlagen. Sesam, wärmende Paprika, Knoblauch, Kimchi, anderes eingelegtes Gemüse und natürlich Reis fehlen nie, nicht einmal beim klassischen Frühstück. Meine Beziehung zur koreanischen Küche würde ich als "süchtig" bezeichnen. Um das Chaos-Bussystem zu kompensieren, muss man sich per Anhalter versuchen. Auf diese Weise haben wir die Gelegenheit, eine besondere Spezialität Koreas hautnah mitzuerleben: Eine Fahrweise, die mehr den Boxautos auf dem Rummelplatz ähnelt als normalem Strassenverkehr. Einer der Fahrer unterhält sich lieber brüllend mit meiner Mitreisenden, als auf den Weg zu achten. Ein paarmal muss sie ihn am Ärmel zupfen, damit wir nicht unwiderruflich im Strassengraben landen. Irgendwie schlingern wir immer wieder auf die Strasse zurück. Ich sitze derweil in meinem Angstschweiss im Fond und halte mir die Ohren in Anbetracht der aus den Lautsprechern dröhnenden Volksmusik zu. Leider lerne ich diesmal nicht so viele Koreaner kennen, weil wir zu zweit unterwegs sind. Andererseits ist Korea kaum mehr anders zu bereisen, weil alles zu teuer geworden ist. Die Kosten für ein Zimmer sind immer gleich hoch, egal wieviele Leute darin übernachten wollen.

In vielen Geschäften sehen wir "italienische Stilmöbel", die derart kitschig sind, dass wir erst an dekorative Schaufensterattrappen denken. Aber wir sehen auch einsame Berggipfel und herrliche Täler rund um Kjongju, zum Beispiel das historische Dorf Angang und ein kleines Tal mit dem Oksan Sowon, einer wichtigen neokonfuzianischen Schule aus dem 15. Jahrhundert. Deren Gebäude strahlen strenge scholastische Eleganz aus. Weiter hinten im Tal sind Überreste von untergegangenen Tempeln, Pagoden, einsame Einsiedeleien und das idyllische Wohnhaus eines weisen Lehrers an einem romantischen Bach zu finden. Die Gegend ist sehr ländlich und liegt weit abseits von grösseren Ortschaften, wir müssen nach einer langen Busfahrt ein Stück mit dem Taxi fahren und wieder zurücktrampen. Die Kinder im Dorf sehen uns mit grossen Augen an, es kommen sicher wenige Fremde hierher.

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