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1995 1997
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Teil 4Von Aomori aus nehme ich den JR-Überland-Bus bis nach Yasumiya am Towada-See im Landesinneren. Es ist die erste lange Tour per Bus in Japan. Sie wird sehr eindrucksvoll, der Bus fährt über eine wunderbare Strecke. Ab 1000 Meter Höhe liegt noch Schnee unter einem artenreichen Wald mit vielen Buchenbäumen. Falls das Wetter es zulässt, passiert man grossartige Aussichtspunkte. Natur pur, drei Stunden lang. In Bodenwellen türmt sich der Schnee noch mehrere Meter hoch. Die Hochfläche ist eine weite Parklandschaft mit mattenartigen Wiesen, sie wird ab und zu von riesigen alten Laubbäumen durchbrochen. Immer wieder machen wir an kleinen Hotels halt, die um heisse Quellen herum tief im Wald verborgen stehen. Kleine Gruppen japanischer Onsen-Enthusiasten steigen zu und am nächsten Hotel wieder aus. Aus den Buslautsprechern quaken fortwährend japanische Kinderfrauenstimmen, die irgendetwas über die Schönheiten am Wegesrand schwatzen, gottseidank auf Japanisch und nur zeitweise auf Englisch, so dass ich es mir nicht zwangsweise anhören muss. Weite Strecken fahren wir durch Wolken mit wenigen Metern Sicht auf engen Passstrassen über 1200 Meter hoch. Ich bewundere den Busfahrer, der mit seinen weissen Handschuhen den schweren Bus millimetergenau über schmale Spitzkehren manövriert. Direkt an der Strasse beginnen felsige Abgründe, deren Tiefe man angesichts der dichten Wolken nur erahnen kann. Ein älterer Japaner aus Kobe nimmt mich unter seine Fittiche, zeigt mir die lokalen Kräutertees und erklärt mir einiges zu den Naturschönheiten der Gegend. Als Tourist reist er jetzt im Alter ein bisschen in Japan herum, was gar nicht so selten ist. Er erzählt mir vom Hanshin-Erdbeben in Kobe, das sein Haus zerstört hat. In Yasumiya logiere ich ganz feudal im Grandhotel. Im Eingangsbereich zeigt man stolz Farbfotos, auf denen der Kaiser zu sehen ist, der vor ein paar Jahren hier abgestiegen ist. Das Hotel ist ein etwas angegrauter Luxusschuppen, die Jugendherberge besteht einfach aus ein paar normalen reservierten Zimmern. So erhält man zum Preis eines Stockbetts luxuriösen Service, ein grosses Einzelzimmer mit Bad, ein riesiges Ofuro (japanisches Bad) mit Mineralwasser, Hauskleider, Teeutensilien auf dem Zimmer et cetera. Früher oder später laufen alle Gäste im Haus-Yukata herum. Selten habe ich so gut geschlafen wie hier. Der Towada-See ist ein blauer, direkt mystisch wirkender grosser Kratersee, an dem sonst wenig menschliche Besiedlung anzutreffen ist. Der See fliesst über einen reissenden Bach in eine felsige Schlucht, in die weitere hohe Wasserfälle über Seitenfelsen rauschen. Auch die Zufahrtstrasse führt durch diese Schlucht. Die schmale Strasse wird oft noch enger, weil besonders schöne alte Bäume mitten in einer Fahrspur stehen. Man wollte sie nicht umsägen, konnte die Strasse aber auch nicht anders verlegen, also hat man sie in der Fahrspur stehen lassen. Woanders hätte man sie als angebliche Todesfallen für rasende Auto- und Motorradfahrer schon lange umgehackt. In Deutschland tat sich beispielsweise in dieser Hinsicht während der sechziger und siebziger Jahre der ADAC mit den "Weg mit den Todesbäumen"-Aktionen unrühmlich hervor. Mit dem Bus, der Bimmelbahn und dem brandneuen Komachi-Shinkansen (die Akita-Route ist erst wenige Monate alt) erreiche ich am nächsten Morgen Hakunodate. Die Stadt hat viel traditionelles Flair, man kann einige alte Samuraihäuser besichtigen. In diesem Stadtviertel hat sich bis auf die Teerstrassen sonst baulich wenig verändert. Einige Häuser sind offen und leer. Wer will, kann sich auf die Tatamis setzen, den Blick auf den Garten geniessen und Tee trinken. Einmal gerate ich in eine Ausstellung japanischer Handpuppen, die offenbar von einem örtlichen Frauenverein organisiert wird. Sie servieren Besuchern Tee und Kleingebäck. Das habe ich in Aomori auch schon erlebt. Eine gute Idee: Der Gast hat einen Grund, sich in Ruhe hinzusetzen und kann sich die Exponate ansehen und vielleicht ein bisschen mit dem Nachbarn plauschen. Dafür reicht mein Japanisch immer. Für das Aufsichtspersonal ist es sicher auch lustiger, ab und zu ein Tässchen Tee zu bereiten und den Besuchern zu servieren, anstatt geradeaus starrend in der Ecke zu stehen und die Gäste zu kontrollieren. Das Städtchen hat einen ganz neuen Shinkansen-Anschluss an der Linie zwischen Morioka und Akita. Diese Linie ist ein Novum in mehrfacher Hinsicht. Die Strecke für den "Superexpress" ist nur eingleisig gebaut, noch dazu sehr langsam und kurvig. Sie führt durch bergige Gegend, an kleinen Wildbächen in einsamen Tälern vorbei. Der Express ist ein augenfällig weiterentwickelter Shinkansen mit vielen verbesserten Details, hat aber nur fünf Wagen. In Morioka oder Sendai wird er innerhalb von zwei Minuten vollautomatisch zusammen- und auseinandergekoppelt. Eine gute Show, wenn sich die mächtige Kupplung zischend löst und beim Wegfahren hydraulisch in den Steuerwagen hineingezogen wird. Währenddessen schliesst sich schon die Verkleidung wie eine Zange, so dass die Lok wieder aerodynamisch glatt geformt ist. Am letzten Tag, an dem mein Japan-Rail Pass noch gültig ist, geht es nach Aizu-Wakamatsu. Es gibt viel Interessantes zu sehen, vor allem einige klassische Handwerksbetriebe. In den Ausstellungsräumen eines alten Holzhauses kann man einzigartig schöne Lackware bewundern und etwas über ihre Herstellung lernen. In einem Sakemuseum probiere ich frisch gegorenen Sake. Anschliessend wandle ich durch einen schönen Garten mit grosser Kräuterabteilung und total gestörten Karpfen. Als ich mit den Händen wedle, springen mich die Fische fast an, gleich darauf kämpfen Enten und Karpfen mit harten Bandagen um Brotstückchen. Ein schöner, lockerer Tag. Es ist sogar noch Zeit, um in Sendai den Osaki Hachiman Jingu Schrein und dem dortigen Super-Daiei (ein als Preisbrecher bekannter Supermarkt) zu besuchen. Das lohnt sich immer, schon wegen dem preiswerten Sushi in der Lebensmittelabteilung. Während der letzten Tage in Tokyo fällt mir bei vielen Gelegenheiten wieder auf, wie sehr sich alles seit den früheren Besuchen verändert hat. Einiges wurde ziemlich kontinuierlich ausgebaut, erneuert, verbessert. Der permanente Modernisierungsdruck ist wahrscheinlich nur für den gelegentlichen Besucher augenfällig. Tokyo wird immer grüner, bekommt immer mehr öffentliche Gebäude, baut immer neue Stadtteile auf Neuland im Meer und sogar neue Bahnlinien. Wie kann dieser riesige Koloss nur derart reibungslos funktionieren und sich permanent von innen heraus in unergründlichen Wirbeln immer von neuem verändern? Es ist ein Mahlstrom, dessen fraktale Struktur niemals in gleichen Bahnen rast, aber immer wie von selbst um alle Blockaden herumgleitet. Es ist unbeschreiblich. Dabei ist Tokyo und die Kansai-Region auf keinen Fall mit ganz Japan gleichzusetzen. Eine Menge Vorurteile über Japan resultieren aus diesem Fehler. Auch wenn die Mietpreise in Tokyo sehr hoch sind, so wird doch landesweit ein viel geringerer Prozentsatz vom Einkommen für Wohnungen bezahlt als in Deutschland. Sapporo hat etwa die gleiche Einwohnerzahl wie München. Trotzdem liegen die Mieten bereits unter dem deutschem Grossstadtniveau. Wegzeiten zur Arbeit, Leistungsstress in der Schule und vieles mehr sind im Land draussen ganz anders als in der Metropole. Ausländer, die sich geschäftlich in Japan aufhalten und selbst Journalisten lassen sich nicht selten davon täuschen. Sie blenden das Land um sich herum aus oder haben keine Zeit, es zu bereisen. Kein Wunder, abseits der grossen Verkehrsströme gestaltet sich das Vorankommen plötzlich sehr zeitaufwendig und zäh. Schon durch die unterschiedlichen Klimate des 2000 Kilometer langen japanischen Inselbogens unterscheiden sich die Landesteile stark voneinander. Kein einziger Ausländer, den ich in Japan getroffen habe, war jemals auf der dünner besiedelten Insel Shikoku. Dorthin führt nur eine langsame Bahnverbindung, innerhalb der Insel gibt es kaum Eisenbahnlinien und fast keine grossen Städte. Gerade auf Shikoku zeigt sich ein anderes, ruhigeres und regional sehr differenziertes Japan. Nicht anders geht es vielen ausländischen Touristen. Sich entlang der Hauptrouten zu bewegen, ist so verführerisch einfach und effektiv, dass man intuitiv davor zurückschreckt, davon abzuweichen, eventuell "Zeit zu verschwenden". Die leicht erreichbaren Zentren bieten durchaus kulturell Überragendes, aber daraus resultiert ein noch grösserer Verführungsdruck, sich nicht weiter in das Land vorzuwagen. Gerade dort kann man aber erst die verborgenen und intensiven Seiten dieser Welt erleben. Dann kann es passieren, dass die Faszination ganz unerwartet wie eine Welle heranrollt, dabei den Besucher nachhaltig überflutet und verändert. Dann erst bekommt man die Chance, sich von dem Japan zu lösen, das sich zwangsläufig durch die allgegenwärtigen Massenmedien im Kopf aufgebaut hat. Nicht zuletzt die Sichtweise der Dinge bewegt sich auf einer neuen Ebene. Gar zu leicht verkommt die Japanreise zum blossen Fotourlaub mit dem üblichen Lokalkolorit, der sich nicht unterscheidet von anderen Besichtigungstouren auf diesem Planeten. Nette Leute, interessantes Essen, schöne Tempel, ein gewisses Mass an Exotik, unerreichte moderne Errungenschaften? -- wenn es nur das ist, was Japan wirklich anziehend macht, wäre eine Reise dorthin fast sinnlos. Nur einen Tag lang regnet es in Tokyo, sonst ist herrliches, lindes Frühlingswetter. Wir treiben uns in allen möglichen Gegenden der Stadt herum, besuchen noch ein Sakemuseum, kommen fast betrunken heraus, kaufen im Stadtteil für Restaurantzubehör (Kappabashi-dori) ein, wandeln bis zur Übersättigung durch Kaufhäuser, Spielhallen (Ikeburo), sehen die ersten Discountläden (Okachimachi), besuchen Yokohama und vieles mehr. Im Gegensatz zu Korea weisen selbst industriell gefertigte preiswerte Massenprodukte ein erstaunlich hohes ästhetisches und qualitatives Niveau auf. Sogar billige Tassen aus dem Kaufhaus übertreffen nicht nur das Trinkgeschirr aus sämtlichen asiatischen Nachbarstaaten, sondern auch die vergleichbare europäische (wesentlich teurere) Ware. Im Sakemuseum kann man aus über 200 Flaschen Sake fünf (grosse!) Probiergläser zusammenstellen. Wir lösen hektische Betriebsamkeit aus, als wir die beiden Damen an der Theke auf japanisch nach fünf möglichst unterschiedlichen Sorten fragen. Mit unserem schlechten Japanisch verstehen sie uns nicht sofort, ziehen sogleich das Handy heraus, um mit dem Chef und anderen Angestellten zu telefonieren. Als ich bei einem guten Glas wissen will, wo man diesen Typ Sake kaufen kann, spurtet eine sofort im landestypischen Laufschritt einen Stock tiefer, um an einem Terminal eine Datenbank zu befragen. Ich bekomme die Informationen komplett mit Anfahrtskizze ausgedruckt ausgehändigt. Mit dabei sind Öffnungszeiten und ein Hinweis, um welche Art Laden es sich handelt. Sie erklärt mir die wichtigsten japanischen Sätze, damit ich auch alles verstehe. Was wir erleben ist kein Einzelfall, das ist das normale Verhalten in Japan. Irgendwann fliegt mein Flugzeug und ich verlasse Tokyo über Narita, so viel zieht mich nicht zurück in den Westen. Der Flug ist ruhig, teilweise hat man eine gute Aussicht über die einsame Natur Sibiriens. Bei jedem Überflug wünsche ich mir, diese Landschaft einmal von unten zu erleben. Beim Flug Paris-Stuttgart herrscht unglaublich klare Fernsicht: Unten die Vogesen, Rhein und Schwarzwald, am Horizont ein vollständiges Panorama der nördlichen schneebedeckten Alpen. In Paris trifft mich der erste Kulturschock, der im übrigen viel stärker als in Japan bei der Hinreise ausfällt. Der Flughafen schafft es, gleichzeitig schmuddelig und protzig auszusehen. Man wird fast umgerannt von aktenkofferbestückten Managern, die ihr Standeszeichen wie einen Rammbock vor sich hertragen und in geografisch gerader Linie zu irgendeiner Warteschlange vor einem Flugzeug trampeln. Dichte Menschenmassen an öffentlichen Plätzen bewegen sich in Japan effektiv und fliessend, ein Einzelner würde nie auf Kosten der anderen voranhasten. Der Transport von Terminal zu Terminal ist schlecht und fluggastunfreundlich organisiert. In der Umgebung befinden sich so viele rotgesichtige, dickleibige Menschen, die reden als hätten sie einen Lautsprecher verschluckt ... man schämt sich plötzlich sehr, dieser Barbarenkultur anzugehören. Es dauert eine ganze Weile, bis man den unnützen Gedanken "undenkbar in Japan" wieder aus dem Kopf verbannen kann. Ob es wohl nach der nächsten Reise noch länger dauert? Ich glaube ja.
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